Mittwoch, 4. März 2015

Leonard Mlodinow: Euclid's Window

Untertitel: The Story of Geometry from Parallel Lines to Hyperspace
Und genau das ist es: Von den Anfängen – Pythagoras und die ägyptischen Pyramiden – bis zu den letzten Stringtheorien und der großen Ungewissheit, wie viele Dimensionen es denn eigentlich gibt.

Leonard Mlodinow: Euclid's Window. The Story of Geometry from Parallel Lines to Hyperspace
Kleine Spielerei mit unserem Pink Floyd Poster
Dieses Buch habe ich auf einen Hinweis von Daniel Kehlmann hin für meine Abschlussarbeit gekauft. Kehlmann sagte, das Buch sei nie übersetzt worden, darum habe ich es auf Englisch gekauft. Später stellte ich fest, dass sich auch Starautoren irren können (ergo, dass sie doch Menschen sind): Es gibt eine deutsche Übersetzung unter dem Titel Das Fenster zum Universum. Aber mehr dazu später. Noch eine kleine Info über mich: Ich hasse Mathe. Oder wenigstens war ich nie besonders gut darin, mit Zahlen gespielt und geometrische Figuren gezeichnet habe ich aber zugegeben immer ganz gerne.
Ich kann nicht behaupten, alles in diesem Buch verstanden zu haben. Gerade die letzten 100 Seiten über Relativitäts- und Stringtheorie wurden zusehends unverständlich, teils auch, weil die Forschung auf letzterem Gebiet in vollem Gang ist und die Experten selbst noch nicht wissen, was Sache ist.

Aber allein die ersten 150 Seiten waren für mich ein ganz neuer Blick auf ein Feld, das mich nie interessiert hat. Mlodinow schreibt äußerst unterhaltsam mit vielen verständlichen Vergleichen und liefert Einblicke in kulturelle und gesellschaftliche Entwicklungen und wie sie mitverantwortlich für mathematische Entdeckungen oder einen Stillstand in der Forschung sind. So hatte ich zum ersten Mal das Gefühl zu verstehen, welchen Eindruck die jeweiligen Revolutionen, wie Mlodinow es ausdrückt, zu ihrer Zeit hinterlassen haben müssen beziehungsweise was sie bedeuteten.

Warum erzählt einem so was niemand in der Schule? Ich hatte keine Ahnung von den Parallel zwischen den Geschichten über Pythagoras und denen über Jesus Christus, war mir nur vage bewusst, dass Zeit in der frühen Neuzeit durchaus variabel war. Die Stärke von Euclid's Window liegt auch in den kleinen Details, die deutlich machen, wie die Menschen jeweils über die Welt nachgedacht haben. Die Ägypter hatten zum Beispiel schon viele Kenntnisse über Mathematik (wie sollten sie auch sonst diese Pyramiden bauen), aber keine mathematische Sprache, keine Formeln, um dieses Wissen einfach und vor allem abstrakt abzubilden. Die haben alles in Fließtext festgehalten – nicht sehr praktisch.

Das Buch ist aufgeteilt in Kapitel über Euklid, Descartes, Gauß, Einstein und Witten und erzählt so von den zunehmend komplexen Theorien über Raum und Zeit.

Euklid hat als Erster definiert, was eine Linie, ein Kreis, ein Rechteck ist und festgelegt, dass  Parallelen sich niemals berühren. Descartes hat das Kartesische Koordinatensystem erdacht. Gauß entdeckte, dass Euklid nicht ganz die Realität beschrieb, da der Raum, in dem wir leben, gekrümmt ist, und sich Parallelen darum doch irgendwann schneiden – übrigens nachzulesen in Die Vermessung der Welt ;) Einstein konnte Raum und Zeit in Relation setzen und dann kamen die Stringtheorien, die alle Kräfte unter einen Hut zu bringen versuchen (was auch schon Einsteins Wunsch war und das letzte, an dem er vor seinem Tod arbeitete).
Wenigstens bis Gauß ist uns das alles halbwegs vertraut und wir nehmen es als selbstverständlich, aber welchen Rieseneindruck diese Entdeckungen zu ihrer Zeit bedeutet haben, wurde mir erst durch Euclid's Window klar.

Leonard Mlodinow: Das Fenster zum Universum. Eine kleine Geschichte der GeometrieIch war trotz der kleinen Mängel im letzten Teil begeistert und werde das Buch bestimmt noch mal lesen. Vielleicht gibt es ja irgendwann ein überarbeitete Ausgabe, in der eine endgültige Stringtheorie zu finden ist?

Jetzt noch mal zur deutschen Übersetzung Das Fenster zum Universum, die ich dann auch noch angeschafft habe. Tja. Da wurde sehr frei übersetzt. Es wurde umgestellt, gestrichen und hinzu erfunden. Und weniger pointiert ist es auch noch. Ich würde euch wirklich gerne dieses Buch ans Herz legen, aber bei der Übersetzung geht der Esprit Mlodinows leider total unter. Also empfehle ich jedem, der flüssig Englisch versteht, das Original.

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Buch auf Leseliste setzenMlodinow, Leonard (2002): Euclid's Window. The Story of Geometry from Parallel Lines to Hyperspace. London: Allen Lane.
ISBN 9780713996340

Kommentare:

  1. Ich habe höchsten Respekt davor, dass du dich auf dieses Buch eingelassen hast, obwohl du Mathe gehasst hast und dich das Thema bislang nicht interessiert hat. Trotz deiner positiven Rezension bin ich mir nicht sicher, ob ich mich daran wagen würde, obwohl ich in der Schule Mathe durchaus interessant fand. Aber das ist alles schon so lang her und ich habe Angst davor, inzwischen nur noch Bahnhof zu verstehen - erst recht auf Englisch. Da reichen meine Kenntnisse nämlich nur für gemütliche Unterhaltungsliteratur aus - oder für wissenschaftliche Texte zu Themen, in denen ich mich zuhause fühle.

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    1. Das kann ich gut nachvollziehen. Mir blieb ja nichts anderes übrig, ich musste das Buch lesen - aber ich bin froh, dass ich es getan habe (und dass ich so gut mit dem Englisch klarkam). Die verschiedenen Weltbilder der Menschheit und wie sie sich über die Jahrtausende entwickelt haben, hat mich schon sehr fasziniert, darum ist es vor allem die erste Hälfte des Buchs, die ich in besonderer Erinnerung behalten werde.

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  2. Ich kann mich Neyasha nur anschließen, es ist unglaublich, dass du dich auf das Buch - und dann auch noch auf Englisch - eingelassen hast! Ich mochte Mathematik immer und war eigentlich auch gut darin, aber auf Englisch würde ich mir das nie zutrauen - und die deutsche Übersetzung ist deiner Erfahrung ja nicht gerade empfehlenswert. Dabei finde ich, dass es spannend klingt, was du zum Hintergrundwissen und den Verknüpfungen sagst.

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    1. Vielleicht gilt das mit der Übersetzung nur, wenn man das Original kennt? Ich fand es nur so schade, dass die Deutschen Wissenschaft immer so humorlos behandeln und hatte gehofft, dass das hier nicht so ist. Darum hat es mich doppelt geärgert, als wenn es nur um die freie Übersetzung und Umorganisation des Textes gegangen wäre.

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  3. Wow, ich muss sagen, das Buch klingt wirklich interessant. Auch wenn ich auch nie so der größte Mathefreak war (und ja auch ein geisteswissenschaftliches Studium absolviere :D ). Aber ich glaube, gerade diese Hintergründe sind viel wert - und deine Beschreibung klang jetzt auch nicht so, als dass man seitenlang mit Erklärungen von mathematischen Beweisen genervt wird :-) Ich glaube, das schaue ich mir mal näher an.

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    1. Überhaupt nicht - keine Formeln im ganzen Buch! Alles wird mit Beispielen, oft aus dem Leben der Söhne Mlodinows, erklärt. Zum Beispiel Entropie anhand des unaufgeräumten Zimmers von Nicolai. Richtiges Infotainment ;)

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  4. Tolle Rezension! Da bekomme ich direkt Lust, das Buch zu lesen. Schade, dass es auf Deutsch nicht empfehlenswert ist, auf Englisch würde ich da wahrscheinlich niemals durchblicken. Den Titel notiere ich mir trotzdem, denn wie heißt es so schön: sag niemals nie!

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    1. Danke :D
      Ich sag mal, besser auf Deutsch als gar nicht. Aber ich hoffe, in Zukunft mal wieder auf das Thema zurückzukommen. Vielleicht findet sich ja doch noch etwas Vergleichbares, das man auch auf Deutsch weiter empfehlen kann. Ich habe jedenfalls Blut geleckt.

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  5. Ich habe mir die engl. Version mal auf den Merkzettel gesetzt. Danke nochmal für den Hinweis zur deutschen Übersetzung!

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