Freitag, 6. Februar 2015

Naturkunde (20). Der Aturen-Papagei

Endlich mal wieder wollte ich einen kleinen Naturkundebeitrag schreiben. Da ich aber momentan wegen Arbeit und Wetter kaum rauskomme, geschweige denn ein ruhiges Auge für kleine Entdeckungen in der Natur habe, kommt der heutige Post geradewegs aus Die Vermessung der Welt.

Da treffen Humboldt und sein Mitreisender Bonpland am Orinoco in einer Mission auf einen Papagei, der eine ausgestorbene Sprache spricht. Kein Mensch versteht ihn, aber er macht einen eloquenten Eindruck:
Ein Mißverständnis, sagte Humboldt. Niemand habe etwas kritisieren wollen.
Vielleicht doch, sagte Bonpland. Einiges wolle er schon wissen. Er stockte und konnte nicht glauben, daß Humboldt ihn gerade getreten hatte. Der Vogel sah zwischen ihnen hin und her, sagte etwas und blickte sie erwartungsvoll an.
Richtig, antwortete Humboldt, der nicht unhöflich sein wollte.
Der Vogel schien zu überlegen und fügte einen langen Satz hinzu.
Humboldt streckte die Hand aus, der Vogel hackte danach und wandte sich beleidigt ab.
Die traurige Ironie ist, dass der Papagei nicht erfunden ist. Es handele sich um den Aturenpapagei, sagte Kehlmann in einem Gespräch mit Sebastian Kleinschmidt: "Er konnte einige Worte in der Sprache eines ausgestorbenen Indianervolkes sagen. Niemand wußte mehr, was sie bedeuteten."
Sunset in the Orinoco by Ferdinand Bellermann (1814-1889)

In Humboldts Ansichten der Natur kann man lesen: "[...] in Maypures (ein sonderbares Faktum) lebt noch ein alter Papagei, von dem die Eingeborenen behaupten, daß man ihn darum nicht verstehe, weil er die Sprache der Aturer rede." In seinem Anmerkungen fügt er eine Balladeein, die Ernst Curtius darüber geschrieben und Humboldt zugesendet hatte:
In der Orinoco-Wildnis
Sitzt ein alter Papagei
Kalt und starr, als ob sein Bildnis
Aus dem Stein gehauen sei

Schäumend drängt durch Felsendämme
Sich des Stroms zerrissne Flut,
Drüber wiegen Palmenstämme
Sich in heitrer Sonnenglut

Wie hinan die Welle strebet,
Nie erreichet sie das Ziel
In den Wasserstand verwebet
Sich der Sonne Farbenspiel.

Unten, wo die Wogen branden,
Hält ein Volk die ew'ge Ruh;
Fortgedrängt aus seinen Landen,
Floh es diesen Klippen zu.

Und es starben die Aturen,
Wie sie lebten, frei und kühn;
Ihres Stammes letzte Spuren
Birgt des Uferschilfes Grün

Der Aturen allerletzter,
Trauert dort der Papagei;
Am Gestein den Schnabel wetzt er,
Durch die Lüfte tönt sein Schrei.

Ach die Knaben, die ihn lehrten
Ihrer Muttersprache Laut,
Und die Frauen, die ihn nährten,
Die ihm selbst das Nest gebaut:

Alle liegen sie erschlagen
Auf dem Ufer hingestreckt,
Und mit seinen bangen Klagen
Hat er keinen aufgeweckt.

Einsam ruft er, unverstanden,
In die fremde Welt hinein;
Nur die Wasser hört er branden,
Keine Seele achtet sein.

Und der Wilde, der ihn schaute,
Rudert schnell am Riff vorbei;
Niemand sah, dem es nicht graute,
Den Aturen-Papagei.

Kommentare:

  1. Das ist mal interessant! Und irgendwie auch...seltsam. Manchmal kann man über die Geheimnisse unserer Welt nur staunen. Aber den Aturen-Papagei gibt es nicht mehr...?
    Wie wunderbar es gewesen wäre, wenn man verstanden hätte, was der Papagei so redet...

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    1. Nein, der ist schon sehr lange passé. Ein anderer Papagei kommt mir gerade in den Sinn: Der von Churchill. Churchill hat wohl immer viel geflucht, sodass der Papagei für den Rest seines sehr langen Lebens (ist so um 2005 gestorben) immer "Fucking Nazis" gesagt hat.

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    2. Nein wie gut! :D
      Hab letztens erst bei youtube paar Papagei- (und andere Tier-)videos geschaut, frag mich nicht, wie ich dazu kam. Aber es war schon echt unglaublich, was Papageien für ein Imitationstalent haben. Ein Papagei war besonders witzig, der konnte kichern wie ein kleines Mädchen und heulen wie ein Baby.^^

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  2. Jetzt hab ich zuerst Autoren-Papagei gelesen ... *g*
    Ich kann mich an den gar nicht mehr erinnern, aber es ist auch schon ziemlich lange her, seit ich die Vermessung der Welt gelesen habe. Faszinierendes Tier auf jeden Fall.

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    1. Hihi, dann hätte er vielleicht Lebensweisheiten von sich gegeben oder alles, was er sieht, in Prosa rekapituliert :D

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