Montag, 23. Februar 2015

Margaret Atwood: Das Jahr der Flut

Margaret Atwood: Das Jahr der Flut (MaddAddam #2)
Der zweite Band der MaddAddam-Trilogie erzählt das Ende der Zivilisation, von der bereits der erste Teil handelte, aus einer anderen Perspektive: Aus der von Frauen. Nach und nach begegnet man dabei auch bekannten Gesichtern und die Erzählstränge fügen sich zu einem komplexeren Bild zusammen. Außerdem bekommen wir diesmal den Blickwinkel der Gottesgärtner, die Öko-Rebellen in Atwoods Zukunft, die das Ende prophezeien. Nach der "wasserlosen Flut" gibt es einige Überlebende, die, weit verstreut, die Katastrophe verarbeiten und mit dem Willen weiterzumachen und ihrem Platz in der neuen Welt ringen.

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Ich glaube, ich habe mich endgültig in Margaret Atwood verliebt. So unterhaltsam und schlau hat mir noch niemand vom Ende der Welt erzählt!
Im Gegensatz zu Oryx und Crake geht es in diesem Band viel mehr um Gemeinschaft. Während man erst mal neue Figuren kennen lernt und einordnet, wann und wo man sich befindet, beginnen sich im Hintergrund die Puzzleteile zusammen zu fügen, sodass einige Rätsel aus dem ersten Buch gelöst sind. Und ich hatte so viel Spaß daran, über neue Hinweise zu stolpern und diese dem großen Ganzen hinzuzufügen.

Das Buch beginnt mit Toby, die als Betreuerin in einem Wellness Resort die Epidemie überstanden hat. Sie ist allein, genau wie Ren, die in einem Nachtclub gearbeitet hat und kurz vor Ausbruch der Epidemie unter Quarantäne gestellt wurde, nachdem ihr Schutzanzug gerissen war. Der Umgang mit Kunden ist nur in dieser Art zweiter Haut sicher – die Ansteckungsgefahr in Atwoods Welt ist hoch, Wunden immer ein potenzielles Todesurteil.
Das sind die Charaktere, mit denen es beginnt. Später kommen noch einige wenige dazu, aber ich will nicht zu viel verraten. Aber alle gehören der Sekte der Gärtner an, die eigenes Obst und Gemüse anbauen und sich vom Leben in den Metropolen größtenteils abgekoppelt haben, obwohl ihre Kommunen in verlassenen Gebäuden mitten in den Städten liegen. Wie die Figuren von ihrer Gärtnergruppe getrennt wurden, wird erst allmählich preisgegeben.

Der Roman springt zeitlich zwischen der Zeit vor der Flut, also der Epidemie, und danach. Dabei wird für die Zeit danach immer als Jahr die 25 genannt und ich brauchte etwas, um zu begreifen, dass das nicht, wie einige Rezensionen behaupten, die Anzahl der Jahre seit der Epidemie sind, sondern die Jahre seit Gründung der Gärtner.
Jedes der Kapitel trägt den Namen eines Heiligen der Gärtner. Das können Geistliche sein, aber meistens sind es Naturschützer oder Forscher wie Dian Fossey (vielleicht erinnert sich einer an den Film Gorillas im Nebel?). Die Adams und Evas sind sozusagen die Anführer einer Kommune.

Das Ganze klingt abgefahren, aber das soll es glaube ich auch. Bei den Predigten und dem Aufbau der Gärtnergesellschaft, von der man im Laufe des Buchs immer mehr erfährt, wird klar, dass diese wie jede andere religiöse Gemeinde ihre Dogmen und nicht immer astreinen Vorgehensweisen hat. Dass es manchmal an Gehirnwäsche grenzt, dass aber trotzdem eine Wahrheit hinter dem Gesagten stehen kann, und dass diese Gemeinschaft in vielerlei Hinsicht dem Leben 'draußen' vorzuziehen ist. Aber einen erhobenen Zeigefinger gab es in keiner Weise, da die Interpretation dem Leser überlassen wird. Ich weiß allerdings auch, dass andere Leser das nicht so gesehen haben.

Am Ende der Predigten wird immer ein Lied gesungen; das habe ich zugegeben immer übersprungen. Ich denke, die Nachricht war auch so schon klar. Und dann beginnt das Kapitel erst richtig.

Wie beim ersten Band bin ich vollständig in der Geschichte versunken und habe sie in großen Batzen gelesen. Jimmy, den Erzähler aus Oryx und Crake, habe ich eher bemitleidet, die Protagonistinnen in Das Jahr der Flut kann man bewundern, man will ihnen hin und wieder eine Backpfeife geben, man will sie in den Arm nehmen. Vielleicht ist das ein "Von Frau zu Frau"-Effekt, aber ich war deutlich näher dran an den Figuren und es werden auch mehr Emotionen vermittelt.

Mit der weiblichen Perspektive kommt auch mehr Gewalt ins Spiel. Die Frauen müssen sich mehr in Acht nehmen, werden auf alle erdenklichen Weisen missbraucht. Die Gärtner sind da eine Oase des Friedens, ein Ort der Zuflucht.

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Tja, was soll ich noch sagen: Lest es! Aber fangt nicht mit dem zweiten Buch an. Ich habe gesehen, dass das immer mal wieder passiert. Keine Ahnung, ob man die Geschichte dann überhaupt versteht (scheinbar schon?), aber man verpasst doch so viel, vor allem den "Den kenn ich doch!"-Effekt – auch bekannt als der "So wird ein Schuh draus"-Trick. Darum sollte man die Fortsetzung auch nicht so lange warten lassen, damit die Erinnerung an Buch eins noch frisch ist.

Für mich heißt es trotz meiner Euphorie erst mal abwarten. Ich wollte mir den dritten Band direkt ausleihen, aber dann kam die Arbeit dazwischen und jetzt ist erst mal Konsumfasten angesagt. Am Ende habe ich dann so viel Wartezeit zwischen dem zweiten und dritten Band wie zwischen den ersten beiden, also alles im grünen Bereich ;)

Frohes Lesen!

Buch auf Leseliste setzenMargaret Atwood: Das Jahr der Flut. Berlin-Verlag, 2009.
ISBN 9783827008848

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