Freitag, 23. Januar 2015

Sieben Jahre in Tibet: Buch & Film

Sieben Jahre in Tibet: Mein Leben am Hofe des Dalai LamaIn Sieben Jahre in Tibet erzählt der Österreicher Heinrich Harrer, wie er kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zu einer Expedition in den Himalaja aufbricht. Als Feind Britisch-Indiens wird er in einem Lager interniert und beschließt mit einigen Kameraden, zu fliehen und sich nach Tibet durchzuschlagen, das im Krieg neutral blieb.
Auf dem beschwerlichen, über 2000 Kilometer langen Weg nach Tibet wächst immer mehr der Wunsch, auch Lhasa zu sehen, und so wird die verbotene Stadt Harrers Ziel.

Ich bin bei diesem Buch zwiegespalten. Ich bin immer noch und nach dem Lesen noch viel mehr fasziniert von Tibet, dessen traurige Geschichte Harrer live miterlebt hat. Andererseits ist dies kein "Abenteuerbuch", wie man bei dieser Reise erwarten könnte, sondern ein recht spröder Bericht, der an einigen Stellen nach einem Lektor schreit. Die Zeitspannen der einzelnen Stationen der Reise wurden mir erst bei weiterer Recherche richtig klar: Harrer muss mehrere Jahre in Gefangenschaft verbracht haben, die Flucht gelang erst 1944.
Und wie oft musste ich lesen, dass Harrer und sein Begleiter Peter Aufschnaiter "wahrscheinlich die ersten" waren, die sich auf dieser oder jener Schneekuppe über das Skilaufen und ähnliches unterhielten. Ja, kapiert, Harrer, ihr wart – wahrscheinlich – die ersten Europäer in der Gegend. Und dass der Krieg mit Englands Kriegserklärung an Deutschland beginnt und nicht mit Deutschlands Überfall auf Polen, ist nur ein kleiner Hinweis auf Harrers NS-freundliche Einstellung. Wie ich inzwischen herausgefunden habe, ist meine Ausgabe in dieser Hinsicht editiert worden. In der Originalausgabe finden sich scheinbar deutlich mehr dieses fragwürdigen Kolorits.

Der Untertitel, der Mein Leben am Hof des Dalai Lama verspricht, ist ein wenig reißerisch. Lhasa erreicht Harrer erst nach der Hälfte des Buchs, und an Tendzin Gyatshos Hof gelangt er noch mal eine gute Ecke später. Allerdings hat mir der ganze Lhasa-Part wirklich sehr gut gefallen: Die Beschreibung dieser vorindustriellen Gesellschaft, die aber große Neugier für westliche Erfindungen und Kultur birgt, war einfach herzerwärmend. Und hat den Überfall Chinas nur noch grauenvoller gemacht. Tibet hatte praktisch keine Armee, jedenfalls keine moderne.
Harrers Verehrung für den Dalai Lama ist von der ersten Begegnung deutlich: Er wird als ungemein gebildet, diszipliniert und neugierig beschrieben und Harrer drückt seine Dankbarkeit aus, in dessen Nähe sein zu dürfen, ja sogar sein Lehrer und Freund zu werden.

Ich hätte gerne ein Buch gelesen, das kurz von der Reise nach Lhasa berichtet und dann die restliche Zeit vor Ort bleibt, mir mehr über dieses fremde Land vor der Invasion Chinas erzählt, und natürlich auch mehr über die tibetische Religion und Politik, die immer seltsam oberflächlich betrachtet wird. So bin ich nach dem Lesen etwas unbefriedigt und habe auch nicht den Eindruck, dem Autor irgendwie näher gekommen zu sein.

*     *     *     *     *

1997 wurde Sieben Jahre in Tibet von Jean-Jacques Annaud (Der Name der Rose) mit Brad Pitt als Heinrich Harrer verfilmt.

Man merkt deutlich, dass man der Figur Harrer mehr Leben einhauchen wollte. Er wird als nicht gerade sympathischer Einzelkämpfer dargestellt, dem die Besteigung eines Berges wichtiger ist als seine schwangere Frau und der absolut unfähig ist, in einem Team zu arbeiten.
Mit über zwei Stunden Laufzeit hat der Film auch einige Längen, an anderen Stellen schimmert Hollywood allzu sehr durch: Musste man eine Lovestory einbauen? Ist die Wahrheit denn nicht spannend genug gewesen?

Was im Film gut rüberkommt, ist die wachsende Bedrohung durch China, obwohl dies kein politischer Film ist. Harrer muss, um nicht den Chinesen in die Hände zu fallen, nach Europa heimkehren. Der Film endet mit einem zarten Annäherungsversuch an seinen ihm vollkommen fremden Sohn. Aber auch der Dalai Lama ist am Ende eine Art Sohn, den Harrer widerstrebend seiner übergroßen Verantwortung überlässt. China hat es gereicht, für Annaud gilt seit dem Film Einreiseverbot. Ich aber hätte gerne einen mutigeren Film gesehen, der sich offener mit der politischen Lage Tibets und Harrers nationalsozialistischer Gesinnung auseinandersetzt.

Weder Buch noch Film waren das Gelbe vom Ei (wenigstens musste ich nicht Brad Pitts scheinbar unsäglichen deutschen Akzent über mich ergehen lassen, da ich die deutsche Synchronfassung geschaut habe). Trotzdem hat mich vor allem das Buch noch einmal aufgerüttelt, mich mehr mit Tibet und dem Buddhismus zu beschäftigen, was mich eigentlich schon richtig lange interessiert hat.

Free Tibet.

1 Kommentar:

  1. Tashi Delek, Cat.
    Unglücklicherweise für die wissensdurstige Leserschaft ist nicht jeder Reisende dazu fähig ein gutes Buch zu schreiben. Literarisch wie inhaltlich.
    Was dessen Vergangenheits-Bräune angeht, so kann man/frau sich schon die Frage stellen, warum er noch 1944 (Rückzug an allen Fronten) auf den Trichter kam, sich zu den Japanern durchzuschlagen.

    Was die angemahnte Oberflächlichkeit seiner Befassung mit Religion & Politik angeht, mag es wohl mit seiner eingeengten, germanischen Blickweise (jener Jahre) auf die Welt geschuldet sein. Mit menschlicher Blindheit Geschlagene haben ein Problem Anderes als eigenständig erfaßen zu können.

    Yep, der Hofstaat in Peking hält sich in ähnlicher Weise für unfehlbar bis sakrosant; bekanntlich wird die Geschwindigkeit des Lichts durch die Parteiführung alle Jahre neu bestimmt.

    Free China wäre ja auch eine Option, denke ich. :-)

    bonté

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