Dienstag, 27. Januar 2015

Kazuo Ishiguro: The Remains of the Day (Was vom Tage übrig blieb)

Kazuo Ishiguro: The Remains of the Day
Achtung: Bananenschleichwerbung ;)

Darum geht's

Im Jahr 1956 nutzt der englische Butler Stevens eine längere Abwesenheit seines Herren für eine kleine Rundfahrt durch sein Heimatland. Und um die ehemalige Haushälterin wieder zu sehen. Während der Reise schreibt er seine Eindrücke nieder, die von vielen Erinnerungen aus den Dreißigern gespickt sind, als der englische Lord, für den er damals arbeitete, in seinem Haus wichtige Politiker versammelte.

*   *   *   *   *

In diese Geschichte bin ich nur schwer reingekommen. Das liegt bestimmt teils an der Sprache: Stevens ist stets um einen professionellen Ton bemüht, der eines Butlers würdig ist. Nachdem ich mich aber an die gedrechselte Sprache gewöhnt hatte, habe ich die zweite Hälfte des Buches fast am Stück gelesen.
It seems increasingly likely that I really will undertake the expedition that has been preoccupying my imagination now for some days.
Stevens startet  in Darlington Hall, dem Haus seines Arbeitgebers nahe Oxford und fährt durch Devon nach Cornwall und genießt sichtlich die Landschaft und die Begegnungen mit fremden Menschen. Dabei bleibt er aber stets auf Distanz und hält die Fassade des Butlers aufrecht. Seine Vorstellung eines guten Butlers bedeutet, dass er diese Rolle nur ablegt, wenn er vollkommen allein ist. Dass ihm diese Einstellung viele Möglichkeiten im Leben verbaut hat, wird ihm nur einen winzigen, entscheidenden Moment im Buch klar.

Ohne zu viel verraten zu wollen: Das Buch hat mich in diesem Moment zum Weinen gebracht. Gleichzeitig wollte ich Stevens am liebsten eine scheuern für seine Blindheit und Steifheit. Der perfekte Butler ist er vielleicht, aber ein lebloser Fisch, eher eine Maschine als ein Mensch.

Das wirklich Geniale an The Remains of the Day ist, dass man ständig zwischen den Zeilen lesen muss. Denn vieles von dem, was Stevens aufschreibt, wird durch die Ereignisse, an die er sich erinnert, konterkariert, in einigen Momenten kann man nur den Kopf schütteln über seine Fehleinschätzungen von Situationen. Er betrachtet alles von der Warte des Butlers, aber den Blick des Sohnes oder Freundes gestattet er sich nie.

Ich denke, das ist ein Buch, das man beim zweiten Lesen besser versteht. Da es eine meiner Schullektüren war und ich den Film gesehen hatte, hatte ich, obwohl ich mich fast an nichts erinnern konnte, einen Vorsprung. Ich dachte sogar, wir hätten nur Auszüge gelesen und geschaut, aber inzwischen glaube ich das nicht mehr.

Demnächst mache ich mich dann auch noch mal an den Film von 1993 mit Anthony Hopkins und Emma Thompson ♥ und wenn ich mich recht entsinne Hugh Grant in einer kleinen Nebenrolle.

Wer diesen preisgekrönten Roman lesen möchte, sollte das mit Aufmerksamkeit tun. In meiner Schulausgabe steht ganz richtig: "The author focusses on what can be called 'inauthentic existence', with protagonists unsteadily poised between a fundamental blindness and a growing awareness of who they are." Genau so ist Stevens.

Buch auf Leseliste setzenKazuo Ishiguro (1988): The Remains of the Day.
Deutsch: Was vom Tage übrig blieb

Kommentare:

  1. Oh, ich wusste gar nicht, dass das vom selben Autor ist wie "Never Let Me Go". Also mir ist der Titel bekannt, aber ich hatte einfach keine Ahnung, wer es geschrieben hat und worum es darin eigentlich geht.
    Danke für die Empfehlung. Ich weiß nicht recht, ob ich derzeit die entsprechende Konzentration dafür mitbringen könnte, aber ich setze es auf jeden Fall mal auf meine Leseliste.

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    1. Schön, dass ich dich dafür interessieren konnte. Never let me go ist nach dem Lesen auf meiner Wunschliste auch deutlich nach oben geschnellt. Es scheint mir aber eine ganz andere Art von Buch zu sein.

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    2. Ja, ich denke auch, dass es ganz anders ist. Ich muss ja zu meiner Schande gestehen, dass ich von "Never Let Me Go" nur die Verfilmung kenne - aber die dürfte durchaus werkgetreu sein und ist auch sehr empfehlenswert.

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