Montag, 12. Januar 2015

Daniel Kehlmann: Wo ist Carlos Montúfar? Über Bücher

Gekauft habe ich dieses Hörbuch für meine Magisterarbeit über Die Vermessung der Welt. Ich fand es großartig und würde es jedem, der sich für Bücher über Bücher interessiert, empfehlen wollen. Aber gefahrlos kann ich das nicht tun, denn Kehlmann erscheint so manchem Leser als Angeber. Kehlmann ist sehr belesen und spricht über Voltaire, Realismus und Isaiah Berlin wie von etwas, das alle kennen. Aber das tut er leichtfüßig und mit großer Freude an Anekdoten und dem Teilen seiner Gedanken. Ich jedenfalls war unterhalten, belehrt und zum Nachdenken bewegt. Nur mit dem Artikel über den mir unbekannten Philosophen Berlin war ich überfordert.

Darum geht's

In der Hörbuchfassung finden sich 7 Essays über Literatur und einer über die Simpsons, vom Autor selbst vorgelesen:
  1. Wo ist Carlos Montúfar? [Über Fakt und Fiktion]
  2. Gott begrüßt seine Opfer [Voltaire und Lachen über Religion]
  3. Erfundene Schlösser aus echtem Stein [Tolkien]
  4. Der Gast aus der Zukunft [Isaiah Berlin]
  5. Ironie und Strenge [Ist der Roman am Ende seiner Möglichkeiten?]
  6. Wovon wir reden, wenn wir von Autorschaft reden [vor allem über Raymond Carver]
  7. Voltaire und Starbucks [Die Simpsons]
  8. Eigene Bücher lesen
*   *   *   *   *

Zunächst mal dient der Titel Wo ist Carlos Montúfar? nur dem Anlocken derer, die mehr über Die Vermessung der Welt wissen wollen, denn es ist der Titel des Essays, der sich mit der Frage beschäftigt, ob und wie ein Autor seinem Sujet treu bleiben muss und wie er das zustande bringt. Wie in jedem der folgenden Texte schaut Kehlmann auch hier nicht ohne Ironie und leise Selbstkritik auf sein Werk, das den dritten Mann auf Humboldts Amerikareise, eben jenen Montúfar, aus der Geschichte gestrichen hat.

In den weiteren Texten geht es um Tolkien und warum er eben kein Schund ist sondern einzigartig, warum die Simpsons moderne Kunst im besten Sinne darstellen (die Verbeugung vor der Serie verbirgt sich hinter dem Titel Voltaire und Starbucks), es geht um das vermeintliche Ende des Romans als Kunstform, was Autorschaft ausmacht (am Beispiel von Raymond Carver, dessen Texte erst durch seinen Editor zu etwas Neuem, Beeindruckenden wurden) und zuletzt, in einem besonders lustigen Artikel im Kontext der Autorenlesung, um das Lesen und Vorlesen eigener Werke.

Man kann fast das Schmunzeln hören, wenn Kehlmann vorliest: "Aus irgendeinem Grund hören viele Menschen einen Text lieber, als ihn selbst zu lesen, und sie hören ihm lieber dargeboten von einem stotternden und hustenden Vorlesedilettanten, der sein Verfasser ist, als von einem Profi." Zwar stottert und hustet Daniel Kehlmann nicht, aber einen guten Vorleser kann ich ihn auch nicht nennen. Seine Stimme hat etwas Penetrantes, die Intonation ist etwas lehrerhaft und nicht gerade melodisch.

Dennoch habe ich ihm gerne gelauscht, denn die ganze Spielzeit über fand ich mich in Zustimmung nickend und Bemerkungen notierend vor den Lautsprechern. Eine zutiefst subjektive Einschätzung also. Aber jedem Gedankengang Kehlmanns kann man ohne Probleme, sondern sogar mit Freude folgen. Unterhaltsame Beispiele illustrieren seine Argumentation, dass ihm das Grübeln Spaß macht, wird ganz deutlich. Das ist etwas, das ich an Philosophen (Kehlmann studierte Philosophie und Literaturwissenschaft) oft beobachtet und bewundert habe: Dass sie ihre Gedanken gut vernetzen können. Man sagt ja auch, dass man im Philosophiestudium denken lernt. Wenn jemand so von einem Thema zum anderen springt und sich am Ende der Kreis schließt, kann ich ewig lauschen, da geht mein Interesse eigentlich nie verloren.

Viel Wahres und manches Komische war hier zu hören, und ab und zu schlich sich ein melancholischer Unterton in die Überlegungen über große Literatur, Kuriositäten und Fakt und Fiktion ein.
Dieser Autor scheut nicht, ein wenig U in sein E zu mischen. Und warum auch nicht?

Für wen ist das (Hör-)Buch?

Wer sich für moderne und klassische Literatur und für das Erzählen an sich begeistert, kommt grundsätzlich infrage :) Wem dann auch noch Leute wie Thomas Pynchon, Voltaire und die Fizgeralds wenigstens grob geläufig sind, der wird sich gut unterhalten und hat auch nach dem Hören/Lesen noch etwas zum Grübeln. Ob Audio oder doch die Buchfassung mit weiteren Essays, aber ohne den Simpsonstext, muss aber jeder selbst entscheiden.

Buch auf Leseliste setzenDaniel Kehlmann (2006): Wo ist Carlos Montúfar? Über Bücher. Deutsche Grammophon.
ISBN: 978-3-8291-1763-0

Kommentare:

  1. Theoretisch würde es mich reizen, mal ein philosophisch angehauchtes Buch zu lesen. Nur fehlt mir wahrscheinlich doch das Vorwissen, sodass ich befürchte, ich würde aus dem Buch nicht viel mitnehmen. Ich schätze mal, es ist nicht notwendig, vorher „Die Vermessung der Welt" gelesen zu haben?
    Ich lasse vielleicht einfach mal das Schicksal entscheiden - sprich: ob ich mal in der Bib darüber stolper oder nicht.^^

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    1. Nein, man muss VdW dafür nicht gelesen haben, obwohl ich jedem immer wieder ans Herz lege :D
      Ich glaube auch nicht, dass man soo viel Vorwissen braucht, aber da ich selbst Literaturwissenschaftlerin bin, unterschätze ich das vielleicht.

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  2. Tja, Autoren als Vorleser sind immer so eine Sache. Richtig gut und professionell habe ich das bisher nur bei Neil Gaiman empfunden (so gut, das ich inzwischen nach weiteren Büchern Ausschau gehalten habe, die er liest). Daniel Kehlmann scheint da nach einem Reinhören bei Audible eher am anderen Ende der Skala angesiedelt zu sein. ;-)
    Ich glaube, das Buch lese ich lieber selbst, falls ich es lese. Ganz sicher bin ich mir noch nicht, ob es was für mich wäre, aber die Texte klingen interessant.

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    1. Ich kann gut verstehen, dass dir das Hörbuch nicht zusagt :)
      Im Grunde muss man auch den Schreibstil mögen oder den Autor kennen. Warum sonst sollte man ausgerechnet diesen und keinen anderen Band zum Thema wählen? Ist ja nicht so, als gäbe es sonst keine Bücher über Bücher. Zum Glück gehen die nie aus :D

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