Montag, 15. Dezember 2014

Margaret Atwood: Oryx und Crake

Darum geht's

Schneemensch scheint der letzte Überlebende seiner Art zu sein: Nur einige genmanipulierte Menschen führen ein Leben am Strand, das ihm fremd ist. In Rückblenden auf sein Leben vor der Katastrophe, als er noch Jimmy hieß, erfahren wir immer mehr über eine Menschheit am Rande eines Abgrunds, die sich in einer gar nicht allzu fernen Zukunft in abgeschlossenen Komplexen vor Infizierungen und den extremen Wetterverhältnissen "draußen" schützt und die dem Wort "Nutztier" das letzte Quäntchen Moral entzogen hat. Hat sich die Menschheit am Ende selbst ausgelöscht?

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Die Sache ist: Bei diesem Roman ist es besser, mit wenig Vorwissen zu beginnen. So wenig wie möglich. Darum will ich nicht mehr über die Geschichte verraten. Es sollte genügen, dass es sich hierbei um eine düstere Zukunftsvision handelt und um einen Robinson Crusoe, der nie mehr nach Hause finden wird, weil dieses Zuhause der Vergangenheit angehört.

Die Titelgeber Oryx und Crake sind die zwei wichtigsten Menschen in Jimmys Leben und gleichzeitig zwei unlösbare Rätsel. Wer sie genau sind und was sie taten, wird nie ganz geklärt, da alles aus Jimmys Sicht erzählt wird. So liest man zwar viel über die geheimnisvolle Oryx und den genialen Crake, aber man lernt doch nur immer mehr über Jimmy. Jimmy ist hiermit offiziell die traurigste Figur meines Lesejahres. Dieser arme, dumme Junge. Man weiß gar nicht, wo anfangen.

Abgesehen von diesen Hauptfiguren bleibt der Rest dieser Zukunftsvision immer irgendwie schemenhaft unüberschaubar. Die Globalisierung ist dort noch weiter fortgeschritten, man wird ständig mit Bildern aus aller Welt gefüttert, während man doch gar nicht genau  weiß, was echt ist und was gespielt. Und wer sind die sogenannten Gottesgärtner, die sich gegen Genexperimente auflehnen und für ihre Proteste verfolgt und ausgelöscht werden?

Am Ende von Oryx und Crake hatte ich wirklich das Gefühl, dort gewesen zu sein, in dieser kranken Welt, deren Vorgänge man so wenig versteht, aber doch begreift, dass die Menschheit komplett aus dem Ruder gelaufen ist. Nach dem klassischen Verständnis von Menschlichkeit war diese schon vor der Katastrophe im Buch ausgelöscht, durch moralischen Verfall. Das war unheimlich, und unheimlich gut. Es ist selten, dass ein Buch so klug, spannend und flott zu lesen ist. Ich bin sehr gespannt, welche Geschichte mich im zweiten Teil, Das Jahr der Flut, erwartet.

Für wen ist das Buch?

Das ist die realistischste Dystopie, die ich je gelesen habe, und sie ist sehr düster. Stockfinster. Kein Schimmer von ehrenwerten Helden, die sich opfern und Menschlichkeit beweisen. Die Welt in Oryx und Crake ist eine offene Wunde. Gerade deshalb fand ich den Roman großartig.

Buch auf Leseliste setzenMargaret Atwood: Oryx und Crake. Berlin Verlag 2003.
ISBN: 9783827000149

Kommentare:

  1. Das klingt wirklich gut. Zeit, dass ich dieses Buch endlich mal lese, zumal ich düstere Romane auch sehr mag. Und danke für die Warnung wegen dem Vorwissen. Dann halte ich mich von zu ausführlichen Rezensionen und Inhaltsangaben besser mal fern.

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    1. Ich hoffe, es wird dir gefallen; gerade erlebe ich bei Goodreads, dass einige SciFi/Fantasy-Leser echt enttäuscht sind.

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  2. Band 1 und 2 liegen unter dem Weihnachtsbaum ... ;)

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  3. Ahoi, Cat.
    Ich denke, die Schriftstellerin Margaret Atwood zieht in Ihren Romanen - wie einst in "Geschichte einer Dienerin"- die Schlüsse aus der (nordamerikanischen) Gesellschaft und wirft die Unruhe, die Besorgnis auf eine Leinwand "Zukunft". Jeder der will kann seine eigenen Gedanken daran ausrichten.

    Verdüsterte Science Fiction - gern empfehle ich die Romane von John Brunner oder Philip K. Dick. Beide seit Jahrzehnten verstorben, aber in den jeweiligen Sichten auf die Ambitionen einer technologischen Gesellschaft up to date.

    bonté

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