Montag, 10. November 2014

Patrick Modiano: Der Horizont

Der HorizontDarum geht's

Während einer Demonstration stoßen sie in einem Metroeingang zufällig zusammen, Margaret Le Coz und Jean Bosmans. Sie, geboren in Berlin als Tochter einer französischen Mutter, hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, er schreibt an seinem ersten Roman. Die beiden werden für kurze Zeit ein Liebespaar. Bis Margaret Hals über Kopf aus Paris flieht. Vierzig Jahre später spürt Bosmans dieser verlorenen Liebe nach. Was ihm bleibt sind seine Erinnerungen und eine konkrete Spur, die in eine Berliner Buchhandlung führt. Es ist die Geschichte eines jungen Paares in den unruhigen sechziger Jahren.

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Der Inhaltstext, den meine Bibliothek vorgab, klang recht vielversprechend. Fast wie ein Minischmöker. Aber nein, das war Der Horizont nicht. Ich glaube, ich bin vor allem auch mit falschen Erwartungen an diesen kurzen Roman (ist es überhaupt einer? Der Verlag will es scheinbar so, aber der Begriff wird ja heute auf alles gedruckt, was verkauft werden soll) herangegangen.

Die ganze Handlung wird von einem Gefühl von Verlorenheit, Chaos und unbestimmter Bedrückung begleitet. Nun habe ich ja die Sechziger und den Kalten Krieg und was sonst nicht erlebt, aber wenn das die dazugehörige Atmosphäre ist, dann ist Modiano darin schon mal ein Meister.
Mit wenigen Beschreibungen und einer einfachen Sprache erschafft er mir eine Epoche, die ich gar nicht kenne. Aber nach dem Lesen hatte ich das Gefühl, wirklich dort gewesen zu sein.

Der Plot und die Charaktere sind eher schleierhaft und haben mein Interesse etwa auf halber Strecke verloren (als ich zu ahnen begann, dass die Lösung mir nicht gefallen würde), aber die Atmosphäre blieb. Auch das ist ein Verdienst. Schade, dass es keine gute Kombination aus allem geworden ist, jedenfalls für mich nicht.

Noch eine Idee: Vielleicht hätte ich das nicht als Ebook lesen sollen. Passte nicht zum Ambiente des Buchs. Ein schönes, stabiles Hardcover wäre da eher

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Buch auf Leseliste setzenModiano, Patrick: Der Horizont: Roman. München: Hanser, 2013.
ISBN 9783446239517

So, das war mein zehnter Nobelpreisträger in diesem Jahr, ich habe Neyashas Challenge Ein Jahr mit Nobelpreisträgern geschafft! Ich konnte ein paar tolle Autoren entdecken, einige alte SuB-Bücher abbauen und habe, wie glaube ich alle Teilnehmer, gespürt, dass man Nobellaureaten nicht so fix lesen kann wie viele andere Autoren. Und man braucht auch längere (Denk-)Pausen zwischen zwei solchen Büchern. Puuh, das war bisher meine schwierigste Challenge!

Wenn ich jetzt so über die Liste schaue, stelle ich erstaunt fest: Die Bücher der Autorinnen haben mir wesentlich besser gefallen als die der Männer. Ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass ich mich mehr auf Schriftstellerinnen konzentrieren sollte.
Es ist eine Schande, dass von den inzwischen 111 Preisträgern nur 13 Frauen sind! Immerhin konnte ich eine Frauenquote von 30% erreichen, das Komitee hat nur 11,7% geschafft :-)
Danke, Neyasha, für die tolle Challenge!


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10/10 Bücher

Ein Jahr mit Nobelpreisträgern (10.10.2013 - Vergabe des Literaturnobelpreises 2014)

Host: Neyasha von Vom Lesen und Schreiben

Die Idee ist so einfach wie bestechend: Lies und rezensiere im angegebenen Zeitraum Werke von 10 unterschiedlichen Literaturnobelpreisträgern. Da ich davon so viele ungelesen im Regal habe, schließe ich mich gerne an!

Kommentare:

  1. Gratuliere zur bestandenen Challenge! Du hast wirklich eine sehr bunte Auswahl gelesen und ja, das mit dem nicht so fix lesen können, kann ich nur bestätigen. Umso beeindruckender also, dass du alle 10 geschafft hast.

    Schade, dass dich dein letztes Buch nicht so ganz überzeugt hat. Ich hab mir inzwischen "Die Gasse der dunklen Läden" von Modiano gekauft und bin mal gespannt, wie es mir gefällt. Immerhin habe ich - auch dank deiner Rezension - nun schon eine ungefähre Ahnung, was bei dem Autor auf mich zukommt.

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    1. Danke, danke :)
      Die Gasse der dunklen Läden klingt vom Titel her - ähnlich wie Im Café der verlorenen Jugend - nach einem gemütlichen Schmöker. Ich drücke die Daumen.

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  2. Bon dimanche, Cat.
    Bei 176 Seiten ist es mehr eine Novelle, denke ich.
    Wenn ich ein wenig zwischen Deinen Zeilen lese, dann hast Du mit Modiano eine Zeitreise unternommen, hinein in einen Auschnitt der Gesellschaft, die Dich als Betrachterin, nicht aber als Partizipientin beläßt. Vergleichbar vielleicht mit einem gediegenen Reiseführer, der nur Orte & Geschehen zu verdeutlichen vermag. Nicht aber die Menschen.
    Mehr Stimmungsblick des Autors.

    Nun der Nobel-Preis wird von einer Runde alter Männer vergeben und die halten sich (und ihre Gewohnheiten) für den Nabel der Welt. Also ziehen schreibende Männer den Längeren bei der Auswahl seither. Daß Frauen nicht schlechtere Literatur verfaßen, kam ihnen lange nicht in den Sinn.
    Alter dockt eben nicht zwangsläufig an Weisheit an.

    bonté

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