Donnerstag, 27. November 2014

Ella Maillart: Außer Kurs

Ella Maillart

Darum geht's

Ihre ungewöhnlichen und abenteuerlichen Reisen führten die Schweizerin Ella Maillart immer wieder in die unzugänglichsten Regionen der Welt zu Pferd und Kamel von Peking der Seidenstraße folgend (Verbotene Reise) oder nach Turkestan, entlang der sowjetisch-chinesischen Grenze (Turkestan Solo). In Außer Kurs erzählt Ella Maillart von ihrer 1930 unternommenen Reise nach Moskau und in die unendlichen Weiten Russlands. Sie beschreibt die gefährliche Route durch das Kaukasusgebirge bis zum Schwarzen Meer, berichtet von ihren Begegnungen und Erlebnissen mit den vielen Menschen, die sie auf den Straßen Moskaus und in abgelegenen Tälern kennenlernt und lässt den Leser teilhaben an der Begeisterung, mit der sie dieses faszinierende Land erlebt.
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Wir schreiben das Jahr 1930: Eine junge Frau packt ihren Rucksack. Sie reist 'in eine ganz andere Welt', nämlich nach Russland und später auch in den Kaukasus.
Noch gehe ich etwas Abstraktem entgegen und ich bin gespannt, was mich in Russland, das mit der sozialistischen Gesellschaft das kühnste Experiment der Neuzeit wagt, erwartet. Vor allem bin ich gespannt auf die jungen Menschen, die Zwanzigjährigen, die die alte Welt nicht mehr gekannt haben und für die der neue Staat aufgebaut wird.
Maillarts Faszination für dieses Experiment spürt man auf jeder Seite, solange sie in Moskau ist. Die Armut der Russen springt ihr zwar ständig in's Auge, doch gibt sie ihre Erlebnisse ohne viel zu analysieren wieder:
Breite Plätze. Enge Straßen. Wenige Läden, und diese verstaubt. Keine Plakatsäulen. Häuser mit abgesplittertem Verputz und schmutzigen, oft gesprungenen Scheiben. Man möchte am liebsten alles mit frischer Farbe anmalen. [...] Keine Reklame in der Straßenbahn, wie auch die Mauern der Stadt weder Seife noch Aperitif anpreisen.
Maillart interessierte sich eher dafür, ob die Menschen so glücklich sind und wie sie ihren Alltag bewältigen. Und davon muss sie, bis auf ein paar Nebenbemerkungen zur sozialistischen Ideologie, begeistert gewesen sein.
Ich war selber ganz gefesselt von ihren Beschreibungen, die ja für mich obendrein eine Zeitreise waren. Und ihre Faszination hat sich teils übertragen. Dieser überkritische Ton, den wir alle inzwischen gewöhnt sind, mal loszusein und einfach die Freude eines anderen fast kritiklos zu teilen, war wie Urlaub.

Nach einigen Monaten in Moskau bricht Maillart mit einer Reisegruppe in den Kaukasus auf. Sie überqueren das Gebirge größtenteils zu Fuß – die Bewohner des Kaukasus waren 1930 praktisch von der Außenwelt abgeschnitten. Mich hat am meisten fasziniert, dass ihre Karren nicht einmal Räder hatten, denn diese Erfindung war dort damals noch nicht angekommen! Dementsprechend eigenartig waren die dort ansässigen Swanen mit ihren eigenen Riten.

Ich war gefangen von diesem lebhaften Reisebericht. Mit jedem Satz war ich direkt im Geschehen und das Alter merkt man dem Buch wenigstens vom Schreibstil kaum an. Einige Ausdrucksweisen und Ansichten sind etwas angestaubt, aber Ella Maillart war eine äußerst aufgeschlossene, weltoffene Frau und schreckte scheinbar vor nichts zurück. Ich stelle es mir ungeheuer abenteuerlich vor, im Jahr 1930 als Frau allein im Osten unterwegs zu sein. Maillart hat viele lange Reisen in die entlegensten Zipfel der Erde unternommen und war ihrerzeit eine wohl berühmte Reiseschriftstellerin, sodass ich jetzt nicht nur von ihrem Bericht, sondern gleich auch von ihr selbst fasziniert bin.

Als wäre das alles nicht schon toll genug, enthält der Band auch noch viele Schwarzweißfotos von ihrer Reise, deren Motive teils im Text beschrieben sind. Bei bebilderten Texten habe ich es oft erlebt, dass beide als getrennte Einheiten behandelt wurden und nur in losem Zusammenhang standen. Hier aber wird öfters von der Entstehung eines Motivs erzählt, sodass man Szenen in den Bildern wiedererkennt.

Ein tolles Buch, das da viel zu lange in meinem Regal Staub gefangen hat. Ich war am Ende genauso traurig wie Ella, wieder in den Westen zurück zu kehren.

Für wen ist das Buch?

Wer mit dem Begriff Fernweh etwas anfangen kann, kann hier getrost zugreifen!
Buch auf Leseliste setzen
Ella Maillart: Ausser Kurs. Die Reise einer mutigen Frau in die unendlichen Weiten Russlands. München: Heyne, 1993.

Das Buch erschien auch unter dem Titel Auf kühner Reise – Von Moskau in den Kaukasus bei Lenos Pocket, 2006.

Gerade entdeckt: Eine kleine Website über Ella Maillart.

Kommentare:

  1. Das klingt nach einem interessanten Maillart-Buch. Wenn ich an ihren Erzählstil in "Ti-Puss" denke, dann ist "Außer Kurs" ein Buch für die Merkliste. ;)

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    1. Das war meine erstes Buch von Ella Maillart, darum kann ich zum Stil nicht viel sagen, außer dass ich ihn echt gut fand :) Ich würde noch eines ihrer Reisebücher lesen wollen, ihre Reiseziele sind ja auch echt exotisch. Und Ti-Puss muss ich einfach lesen!

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  2. Bóju, Cat.
    Die Faszination der Reiseberichte aus jener Zeit kann ich nur unterstreichen. Eine Zeit des gesellschaftlichen Aufbruchs, wie es manchen erschien, der aber wüst unter die Stiefel der Diktaturen geriet.
    Der Blick auf das "neue" Rußland mag auch den idealisierten Vorstellungen engagierter Menschen geschuldet sein. Zumal Stalins "Säuberungswahn" noch nicht seinen Höhepunkt erreicht hatte, in den frühen Dreißigern.

    Wenn Dich Ella Maillarts Arbeit zu faszinieren wußte, dann kann ich Dir die Reiseberichte & sonstigen Texte von Annemarie Schwarzenbach nur anempfehlen. Beide unternahmen ja zusammen eine fernöstliche Reise mit dem Automobil, die mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs früh gestoppt wurde.
    Netterweise sind Annemarie Schwarzenbachs Arbeiten auch bei Lenos neu aufgelegt worden - allerdings schon vor zwei Jahrzenhten. Aktuell lieferbar ist aber eine sehr schöne Biographie aus der Feder von Alexis Schwarzenbach: "An der Schwelle des Fremden - Das Leben der Annemarie Schwarzenbach".

    bonté

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    1. Danke für den Tipp. Vielleicht bekomme ich das ja noch irgendwo gebraucht, bei tauschticket schaue ich mich immer gerne nach solchen Dingen um. Oder mein Freund und Helfer, die Stadtbibliothek, muss ran.

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  3. Das klingt nach einem sehr interessanten Buch - und fast nach einer passenden "Fortsetzung" für mich nach dem Sachbuch über reisende Frauen im 18. und 19. Jahrhundert. Allerdings hat mir besagtes Sachbuch auch so viele Anregungen für interessante Reiseberichte geliefert, dass ich kaum weiß, womit ich nun beginnen soll. ;-)

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    1. Kann ich gut verstehen. Da hilft wohl nur würfeln :)

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