Mittwoch, 27. August 2014

Hermann Hesse: Narziß und Goldmund

Ein Jahr mit Nobelpreisträgern Banner

Inhalt

Goldmund kommt als Junge ins Kloster und trifft auf Narziß, den er sehr bewundert und ihm in seiner Gelehrsamkeit bald nacheifert. Doch Narziß lässt Goldmund erkennen, dass er nicht zur Wissenschaft, sondern zur Kunst bestimmt ist. Also macht sich Goldmund auf in die Welt und erfährt sie mit allen Sinnen.

Narziß und Goldmund von Hermann Hesse
Schlimmstes Cover ever!
Mein erster Hesse. Das Buch war mir vollkommen unbekannt, was ich seltsam finde; es wäre prima als Schullektüre. Ich denke, das Buch würde nicht jedem gefallen, aber ich mochte es auf seine leise, zurückhaltende Art. Ich mag ja Grübeleien über Gott und die Welt :)

Goldmund zieht aus, um ganz banal gesagt jede Menge Frauen flachzulegen (was aber so philosophisch- transzendental geschildert wird wie ein göttlicher Akt des Austauschs). Später lernt er, die durch das Herumziehen gewonnene Menschenkenntnis in Schnitzereien festzuhalten. Narziß, der sein Leben im Kloster verbringt und sich der Logik verschrieben hat, zweifelt durch Goldmund immer mehr daran, dass der Mensch für ein derart geordnetes Leben geschaffen ist und erkennt in der Kunst ein der Wissenschaft ebenbürtiges Mittel, Gott zu dienen.

Es stehen sich also zwei Prinzipien gegenüber: Das des Geistes und das der Sinne. Hesse zeigt durch die Reise Goldmunds, dass gute Kunst Weltoffenheit und Menschenkenntnis verlangt. In Goldmund erkennt man unschwer Hesses Alter Ego. Man könnte sagen, in diesem Roman bringt er die Erkenntnis zum Ausdruck, dass sein unstetes Leben der Ortswechsel, Ausschweifungen und der Kunst auch ein zulässiger Lebensweg sind, dass das auch seine Daseinsberechtigung hat.

Obwohl hier ein Ereignis auf das nächste folgt, ist der Roman nicht hastig: Goldmunds Wanderungen und Erlebnisse, seine Zeit in den Wäldern wie in der Stadt zur Zeit der Pest treten immer zurück, seine Reflexionen sind Fokus der Geschichte. Dabei führt Goldmunds Weg zwar ab und zu an einen bereits bekannten Ort, er bietet aber keine großartigen Verstrickungen.

Der Erzählton ist philosophisch, es gibt wenig Dialoge und Beschreibungen, sondern eher Betrachtungen und Goldmunds langsame Erkenntnis über sich selbst. Dadurch wirkten alle Menschen, denen Goldmund begegnet, eher flach, die vielen Sinnenfreuden verblassen, aber Goldmund selbst wirkt so real wie selten eine Romanfigur.

Dabei fand ich Goldmund oft oberflächlich: Bis zuletzt ist er sich zu schade, Fehler einzugestehen und sich vor anderen lächerlich zu machen. Seine Gedanken klangen manchmal narzisstisch in meinen Ohren. Vielleicht liegt es aber auch einfach an der unbedingten Ehrlichkeit des Textes, der Goldmunds Gedanken ungefiltert weitergibt. So war er mir nicht immer sympathisch, wirkte aber fast wie ein realer Mensch mit Macken genauso wie liebenswürdigen Eigenschaften.
Und vor ihm lag Feld und Heide, lag vertrocknetes Brachfeld und dunkler Wald, dahinter mochten Höfe liegen und Mühlen, ein Dorf, eine Stadt. Zum erstenmal lag die Welt offen vor ihm, offen und wartend, bereit, ihn aufzunehmen, ihm wohlzutun und weh zu tun. Er war kein Schüler mehr, der die Welt durchs Fenster sieht, seine Wanderung war kein Spaziergang mehr, dessen Ende unweigerlich die Rückkehr war. Diese große Welt war jetzt wirklich geworden, er war ein Teil von ihr, in ihr ruhte sein Schicksal, ihr Himmel war der seine, ihr Wetter das seine.
Narziß spielt keine so große Rolle in dem Buch, er ist vor allem eine Art Mentor für Goldmund. Er wiederum war mir mehr wie ein Goldmund, da er immer Wahres aussprach und Zusammenhänge erkannte, die den anderen im Kloster verborgen blieben.
Vielleicht wollte Hesse durch dieses gegenseitige Ergänzen von Namen und Eigenschaften der Hauptfiguren andeuten, dass die durch sie vertretenen Lebenswege sich ebenfalls gegenseitig ergänzen. So eine Art Yin-Yang-Prinzip, in dem Narziß und Goldmund zwei Extreme von Isolation und Weltbummelei darstellen.

Obwohl das Buch religiös ausgelegt ist, lässt es sich auch locker allgemeiner lesen: Das, was hier als Lobpreis an die Schöpfung betitelt wird, nämlich der Dienst in der Wissenschaft und in der Kunst (und der ihr vorangehende Erkundungsgang durch alle Sinne und fernab jeder Kirche), ist ja genauso gültig, wenn man Gott davon subtrahiert.

Für wen ist das Buch?

Wen eine gedankenreiche Reise durch das mittelalterliche Deutschland reizt, wer gerne über das Wesen der Menschen grübelt, dem könnte Narziß und Goldmund gefallen. Es ist ein nachdenkliches Buch, das mehr auf der Reflexionsebene als auf der Handlungsebene zu bieten hat.

Buch auf Leseliste setzen

Kommentare:

  1. Wir hatten dieses Jahr Hesse als Schullektüre. Ich mochte "Unterm Rad" und habe danach gleich noch ein paar andere Bücher von ihm gelesen. Wobei, meinen Klassenkameraden hat Hermann Hesse nicht so gefallen... Narziß und Goldmund will ich auch mal lesen.

    AntwortenLöschen
  2. Als Schullektüre haben wir von Hesse "Unterm Rad" gelesen und das hat mir leider so wenig gefallen, dass ich danach Hesse jahrelang gemieden habe. Im Studium habe ich dann "Demian" gelesen und gemocht, aber trotzdem ist bei mir im tiefsten Inneren so eine Hesse-Abneigung geblieben. Schade eigentlich. Vielleicht sollte ich ihm mit "Narziß und Goldmund" mal wieder eine Chance geben.

    AntwortenLöschen