Donnerstag, 14. August 2014

E.T.A. Hoffmann: Das Majorat. Gelesen von Hans Paetsch

E.T.A. Hoffmann SelbstportraitWie schon berichtet bessere ich für meine Prüfungen ein wenig meine Kenntnis von E. T. A. Hoffmanns Geschichten auf – es gibt Schlimmeres, zumal, wenn sie einem der Märchenonkel der Nation vorliest ;)

Falls beim Namen Hans Paetsch nichts klingelt: Erzählerstimme von Hui Buh, Die Hexe Schrumpeldei, Tom Sawyer und Huckleberry Finn und und und (ich zitiere auch gerne einen alten Ärzte-Song: "Sie ahnten ja nicht, was ihnen bevorstand"). Wunderbar knarzig und gemütlich. Wem das immer noch nichts sagt (oder wer jetzt in Nostalgie versinkt): Hörproben!

Inhalt

In Teil eins reist der junge Theodor als Sekretär mit seinem Großonkel V. auf eine abgelegene Burgruine, die als Majorat vererbt wird, also immer dem Erstgeborenen. V. besucht den dort ansässigen Baron regelmäßig in seiner Rolle als Justiziar.
Die Zeichen des Verfalls sind überall und in der ersten Nacht geht sogar ein Gespenst um. Ein altes Übel scheint über dem Anwesen zu liegen. Bald darauf gibt der Burgherr seine alljährliche Jagd und Theodor verliebt sich Hals über Kopf in die Frau des Barons...
Im zweiten Teil, einige Jahre später, berichtet der nun alte V. Theodor von der Geschichte des Majorats, die von gegenseitigem Neid und Hass gezeichnet ist.
*       *       *
Bei der Struktur ist es schwer, den Inhalt spoilerfrei zusammenzufassen...

Keine Gruselgeschichte
Der Aufhänger der Geschichte, das Majorat, wirkte auf mich etwas seltsam. Nicht gerade ein typisch literarisches Thema.
Die Erzählung kritisiert vor allem die rechtliche Form des Majorats, da sie Zwist und Hass unter Geschwistern sät. Ein ganz praktischer Schreibgrund also. Der Erzählton ist keinesfalls der einer Gruselgeschichte, auch wenn Das Majorat gerne als solche verkauft wird. Obwohl einiges Schaurige erzählt wird, liegt der Fokus eher auf der Studie der Charaktere, vor allem ihrer dunklen Seite.

So ist der junge Theodor ein wahrer romantischer Geist, der sich von dem spukigen Schloss (gepaart mit der Lektüre des Geistersehers, eine immer wiederkehrende Referenz) ganz in seinen Bann ziehen lässt. Noch viel stärker Seraphine, die Baronin. Die Kunstbegeisterten der Erzählung sind gleichzeitig die für Übernatürliches Empfänglichen.
V. dagegen liebt es, den Jüngeren wie den Rest der Welt zu verspotten und hält nicht viel von Übernatürlichem. Er bewahrt stets einen kühlen Kopf und ist rational organisiert, aber sympathisch.

Hoffmann'scher Humor
Das MajoratHätte ich das selbst lesen müssen, wäre ich sicher eher gelangweilt gewesen, obwohl E.T.A. seine Geschichte immer mit einer guten Prise Humor würzt. Ein paar Mal musste ich laut lachen.
Aber was die Erzählung hörenswert macht, ist vor allem  der unübertroffene Hans Paetsch. Viermal habe ich das Hörbuch durchgehört, und nicht nur wegen der verschlungenen Familiengeschichte im zweiten Teil. Der Mann konnte einfach lesen, dass es eine wahre Freude ist!

Aber neben Humor und Erzähler gibt es auch kleinere Sympathieverstärker. Zum Beispiel die Landschaften und Umgebungen, die gut in die Schwarze Romantik passen. Oder der unterschwellige Zwist des Baronenpaars, da sie gerne am Piano musiziert, er das aber für ein vollkommen ungeeignetes Instrument für eine Jagdgesellschaft hält. Der Hausdiener, der nichts einfach erklären kann, sondern immer um zehn Ecken erzählt, was echt komisch ist. Das Erwachsenwerden des Erzählers.

Roderich > Wolfgang > Hubert > Hubert > Roderich
Andererseits konnte ich wie schon angedeutet der Erbfolge im zweiten Teil nicht gleich folgen, weil manche Erben auch den Namen eines Vorfahren übernehmen, da kam ich dann etwas durcheinander. In Buchform wäre das nicht passiert. Und so topaktuell finde ich das Thema auch nicht... Obwohl die Rechtsform des Majorats wohl noch möglich ist, um sein Erbe zu regeln.

Für wen ist das Buch?

Im Wesentlichen für alle, die von Hans Paetsch mal was anderes hören wollen als Kindergeschichten. Wenn's in der Bibliothek vor Ort vorhanden ist, würde ich es einfach mal ausprobieren, ansonsten ist es wirklich nicht die spannendste Erzählung vom guten E. T. A.

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Kommentare:

  1. Ich muss zugeben, dass mir Hans Paetsch tatsächlich nichts sagt - ich habe aber auch kein einziges Hörspiel von der beeindruckenen Liste jemals gehört.
    Hoffmann ist ja so eine Sache. Ich bin nicht der größte Fan seiner Werke, wobei ich nur "Der Sandmann" und "Das Fräulein von Scuderi" kenne, die ich beide nicht besonders mochte.

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    1. Mir gefällt Der Sandmann sehr gut, Prinzessin Brambilla fand ich ätzend. Das Frl. von Scuderi fand ich auch eher gut, besser als Das Majorat. Aber über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten ;)
      Hast du dir mal eine der Hörproben angehört? Paetschs Stimme war schon was Besonderes.

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