Dienstag, 29. Juli 2014

Boxen in Zeiten der Liebe: Cashel Byrons Beruf

George Bernard Shaw ist vielen als der Autor von Pygmalion alias My fair lady bekannt oder als Verfasser theoretischer Schriften. Aber bevor er seinen Hang zu Bühnenstücken entdeckte, schrieb er auch Romane. Cashel Byrons Beruf erschien zuerst 1885 in einer Zeitschrift.

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Inhalt

Cashel Byron flieht als Schuljunge aus der Enge des Internats und vor der übergroßen Fürsorge seiner Mutter und wird schließlich Preisboxer, ein im 19. Jahrhundert noch illegaler Beruf. Das Boxen ist seine Berufung, in der er sich auch durch seine untrübbare Moral hervortut und zum Champion avanciert.
Lydia, die Millionenerbin, bekommt von ihrem verstorbenen Vater einen brieflichen Rat: Sie solle sich einen Ehemann suchen, der zwar ihrer Stellung entspricht, aber auch einem Beruf nachgeht. Mit kühler Analytik macht sich Lydia an das Leben als junge Reiche, bis sie auf Cashel trifft...

Cashel Byrons Beruf von George B. ShawEigentlich ist klar, wohin dieses Treffen führt, und auch meine Goldmann-Ausgabe von 1960 macht kein Geheimnis aus der letzlichen Eheschließung zwischen dem uptown girl Lydia und dem Prügelknaben Cashel. Aber darum geht es auch gar nicht so sehr, sondern mehr um die Vorurteile, die sich berechtigt und unberechtigt in unserer Gesellschaft breit machen, um Scheinmoral und Handeln um des schönen Scheins willen.
"Früher einmal habe ich ihn [Cashel] einen Raufbold genannt – ich ziehe den Ausdruck jetzt nicht zurück. Ich hoffe aber‚ daß Sie ihm seine Raufboldigkeit vergeben werden, wie Sie einem Soldaten seine Morde verzeihen und einem Rechtsanwalt seine Lügen."
Von vorneherein ist klar, dass die beiden füreinander bestimmt sind, nur ihre scheinbar ungleiche Stellung steht ihnen im Wege. Wie dieser Stolperstein aus dem Weg geschafft wird, das verrate ich nicht, damit es noch etwas zu rätseln gibt ;)

Shaws erster gedruckter Roman (in Schreibreihenfolge war es der vierte!) hat schon seine lustigen und schönen Momente, war an anderer Stelle aber arg zäh. Muss Cashel wirklich über 8 Seiten und mehr seine Weltsicht vor der gesamten Londoner high society vortragen?

Dennoch sind mir die Protagonisten direkt sympathisch gewesen: Der ewige Schuljunge Cashel, dessen impulsive Unbeholfenheit ihm immer im Wege ist, und die allzu rational denkende Lydia, die aber stets die Wahrheit sagt, auch wenn sie unangenehm ist. Das sind wunderbare, weil unvollkommenen Charaktere, in denen ich gerne ein wenig Entwicklung gesehen hätte. Aber hier ändern sich nur äußere Umstände, ihrer beider Wesen bleibt konstant.
"Kümmern Sie sich nicht um mich. Sie tun, was Ihnen beliebt; und ich tue, was Ihnen beliebt. Sie sind eine gewissenhafte Person. Ich weiß daher, daß alles, was Sie wollen, immer das Beste ist. Ich bin der Geschicktere von uns beiden, Sie die Klügere. Na, wollen Sie?"
— Ja, das ist ein Heiratsantrag :D
Die Nebenfiguren sind oft eher Karikatur und also vor allem unterhaltend (die hysterische Mutter, die schnell eingeschnappte Gesellschafterin, der beleidigte Nebenbuhler).

Die Geschichte lebt von der Prämisse, dass Boxen im 19. Jahrhundert illegal war. Dadurch war der Beruf vor allem Damen eher unbekannt, so auch Lydia, die sich niemals in Cashel verguckt hätte, wenn sie von Beginn an von seinem Beruf gewusst hätte. Und da hakt es, denn der auf der Stelle entzückte Cashel will mit aller Macht seine Profession vor der Angebeteten geheim halten, macht dabei aber Andeutungen und gebärdet sich dermaßen, dass es mir seltsam vorkam, dass Lydia ihm nicht auf die Schliche kam, sondern von Dritten die Wahrheit erfahren muss.

Man könnte sagen, die Story ist schlecht gealtert. Shaw hat den Roman 1882 geschrieben, damals war er also durchaus aktuell zu nennen. Heute wirkt dieses Versteckspiel eher an den Haaren herbeigezogen. Vom Verstand her ist klar: Genau so hätte es damalas laufen können. Aber weil die Geschichte nicht analytisch geschildert wird, sondern man in sie hineingesogen wird, muss man sie auch nachempfinden können. Und da fühlte ich mich als moderne Leserin wie ein Anachronismus, weil ich das Handeln und Denken der Figuren nicht immer nachvollziehen konnte.

Für wen ist das Buch?

Ich kann diesen Roman leider nicht weiter empfehlen. Der leichtfüßige Grundton und die profunde Gesellschaftskritik werden von einer Handlung überwogen, die für heutige Leser nicht mehr gut nachzuvollziehen ist. Auch die alte Übersetzung macht das Buch streckenweise langatmig. Zu seiner Zeit war der Roman ein Bestseller, doch gibt es Gründe, warum ihn heute keiner mehr kennt.
Vielleicht lieber was anderes von G.B. Shaw.

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Kommentare:

  1. Interessant, davon hab ich ja noch nie gehört. Klingt aber auch nicht gar so verlockend.
    Es gibt ja ältere Bücher, die irgendwie zeitlos sind und dann gibt es ältere Bücher, die ein faszinierendes Dokument ihrer Zeit darstellen. Aber manchmal gibt es auch ältere Bücher, die mittlerweile einfach veraltet wirken und so scheint es bei diesem Roman zu sein.

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    1. So ist es leider. Aber der Schreibstil war eigentlich ganz cool, also würde ich es dann vielleicht noch mal mit was anderem von dem Herrn versuchen ;)

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