Mittwoch, 25. Juni 2014

Ein Jahr mit Nobelpreisträgern. Buddenbrooks von Thomas Mann

Buddenbrooks, der schröckliche Wälzer
Lag mir lange quer im SuB – Buddenbrooks
Auf der ganzen Welt liest man Mann. Wer kann ahnen, wie viele Schüler und Studenten auf diesem Planeten zu der Lektüre des Wälzers genötigt wurden? Kann man sich vorstellen, dass Island die Buddenbrooks, das Werk Thomas Manns schlechthin, erst seit kurzen 14 Jahren kennt? Es wurde erst 2000 ins Isländische übertragen.
Nach Jahren des Zögerns und "Nur mal kurz"-Reinlesens habe ich die 759 Seiten, die meine Ausgabe hat, endlich gelesen – und bin nicht nur lebendig aus der Lektüre hervorgegangen, sondern hatte durchaus meinen Spaß.

Inhalt

[...] Thomas Mann erzählt nur wenig verschlüsselt die Geschichte seiner Familie und ihrer Stellung in der Vaterstadt Lübeck, soweit er sie nachvollziehen, in Einzelheiten überblicken konnte, ja sogar noch miterlebt hat. Verwandte, Honoratioren und markante Persönlichkeiten seiner Jugend werden integriert. Den meisten Raum nimmt das Leben Thomas Buddenbrooks ein – »ein modernes Heldenleben«; sein Sohn Hanno wird einen langen Strich unter die Genealogie der Familie setzen und sich rechtfertigen mit den Worten: »Ich glaubte ... ich glaubte ... es käme nichts mehr ...« [...] (Quelle: S. Fischer)
Mit Thomas Mann hatte ich bisher eher unschöne Kollisionen, so kam ich über wenige Seiten des Zauberberg nie hinaus, quälte mich durch den Felix Krull und starb vor Langeweile bei der Filmfassung von Tod in Venedig (die Erzählung ist im Übrigen gar nicht langweilig). Wie leichter war es doch, die leichtfüßigen Werke seines Bruders Heinrich zu lesen, der obendrein anders als Thomas von vorneherein Pazifist gewesen war und bei mir somit automatisch einen Stein im Brett hatte.
Buddenbrooks aber ist trotz seines Umfangs ein leichter Einstieg in Manns Werk, es ist viel leichter zu lesen als Der (vermaledeite) Zauberberg, der selbst als Hörbuch noch unglaublich lang ist.

Am Anfang des Buches sitzt man mit im "Landschaftszimmer", wo die Großfamilie Buddenbrook ihren Nachmittag verbringt. Eine anfängliche Verwirrung darüber, wer wer ist, hat mich zum Führen einiger Notizen angeregt, sodass ich letzendlich kleine Zusammenfassungen für jedes Kapitel geschrieben habe.

Notizen zu Buddenbrooks
"Mitschrift" zum Buch

Es ist wirklich gräulich: Da sitzt nicht nur das gesamte Personal des Buches (zumindest vor dem ersten Generationenwechsel) in einer Szene zusammen, der Autor wirft mit Namen um sich, als sei sowieso klar, um wen es sich dreht, und dann hat jede Figur auch noch drei Namen oder mehr! Bis ich mal raus hatte, dass Jean, der Konsul, der Großvater, der Vater, und Johann alles ein und dieselbe Person sind! Ist man erst mal über einige Seiten hinaus, lichtet sich der Figurenwald und man kann anfangen, sich auf die Geschichte zu konzentrieren.

Während man zuerst den Eindruck perfekten Familienglücks bekommt, das sich auf das kaufmännische Geschick des Vaters von Jean, Johann Buddenbrook, gründet (ja, hier wird auch noch der Name des Hausherren weitergegeben). Man lebt in hohem Ansehen, genießt politischen Einfluss und die Früchte harter Arbeit. Obwohl, von Genuss kann nicht wirklich die Rede sein. Immer steht das Arbeiten und der Fleiß bei den Buddenbrooks im Vordergrund.
Doch schon bald beginnen sich Risse in der Fassade zu zeigen, es gibt ungeliebte schwarze Schafe in der Familie, die 'aus der Art schlagen' und die Familienehre in den Dreck ziehen. Und mit jeder neuen Generation Buddenbrooks vergrößert sich der Makel...

Ein Liebling vieler Leser ist sicherlich der hypochondrische Christian, der in seinem Leben so gar nichts auf die Reihe kriegt. Hier versucht er, seinem tüchtigen Bruder klarzumachen, dass er als Kaufmann aus gesundheitlichen Gründen nicht taugt:
"Es ist kein Schmerz, es ist eine Qual, weißt du, eine beständige, unbestimmte Qual. Doktor Drögemüller in Hamburg hat mir gesagt, daß an dieser Seite alle Nerven zu kurz sind. Stelle dir vor, an der ganzen linken Seite sind alle Nerven zu kurz bei mir! Es ist so sonderbar... manchmal ist mir, als ob hier an der Seite irgend ein Krampf oder eine Lähmung stattfinden müßte, eine Lähmung für immer... Du hast keine Vorstellung... Keinen Abend schlafe ich ordentlich ein. Ich fahre auf, weil plötzlich mein Herz nicht mehr klopft und ich einen ganz entsetzlichen Schreck bekomme... Das geschieht nicht einmal, sondern zehnmal, bevor ich einschlafe. Ich weiß nicht, ob du das kennst... ich will es dir ganz genau beschreiben... Es ist..." (S.404)
Worauf er von einer Entgegnung à la "Ach ne, du, lass ma" von seinem Bruder zum Schweigen gebracht wird.

Buddenbrooks mit Seemannspfeife
Stilecht mit Seemannspfeife
Mann kann sehr gut Charaktereigenschaften in Physiognomien und Ausdrucksweisen verpacken: Christian zum Beispiel fährt sich gerne mal mit der Hand über die Stirn, oder er erbleicht plötzlich mitten im Gespräch, wird ganz still und verabschiedet sich bald. Außerdem hat er krumme Beine und die Hosen "umschlottern" seine Gestalt. Darin ist Thomas Mann äußerst präzise und pointiert. Er macht Andeutungen, anstatt den Leser mit Fakten zu erschlagen.
Womit er allerdings etwas erschlägt, ist mit der Länge des Romans. Mich jedenfalls. Durch die sprachliche Dichte sind 759 Seiten schon recht anstrengend – als ich fertig war, fühlte ich mich ganz ausgehöhlt und total alle. Trotzdem hat das Buch Spaß gemacht.

Anmerkung zur Retroausgabe: Benutzt neben dem Originalcover auch die Orthographie der ersten Ausgabe, wenn ich das richtig sehe –herzallerliebst! Da gibt es noch die Hausfaçade und, wie man im obigen Zitat sehen kann, eine Vielzahl an ß.

Für wen ist das Buch?

Mann ist nicht für jeden etwas. Ich hätte wohl nie etwas von ihm gelesen, wenn ich nicht Germanistik studieren würden, wo es ein Sakrileg darstellt, sein Studium abzuschließen, ohne die Buddenbrooks zu kennen. Wem der Erzählton seiner kurzen Erzählungen zusagt, für den ist Buddenbrooks sicher der perfekte Einstieg in seine großen Romane.


Buch auf Leseliste setzen

Kommentare:

  1. Ich fand das Buch schrecklich, bzw das, was ich davon gelesen hab. Ganz fertig bin ich nicht geworden. Es war einfach sooooo langweilig. Sogar unsere Lehrerin fand es nicht gut :D

    AntwortenLöschen
  2. Recht amüsant! Ich lese entweder nur "Ich find Mann klasse!" oder "Ich find Mann grausam!" :D Ich selber habe den "Zauberberg" erst vor kurzem gelesen und wusste - Mann lese ich definitiv wieder! :D
    Wenn du den "Zauberberg" allerdings nicht gemocht hast, dafür die "Buddenbrooks" umso mehr, muss das ja NOCH besser sein... oder?^^ Der ist ja auch noch verfilmt worden...

    AntwortenLöschen
  3. *hüstel* Ich habe die "Buddenbrooks" erst nach Abschluss meines Studiums gelesen (weil ich mir mit dem Zauberberg eine kleine Mann-Abneigung eingefangen habe). Ich fand den Roman dann auch überraschend gut und er hat mich definitiv mit Mann versöhnt! Lang ist er schon, aber ich kann gar nicht nachvollziehen, weshalb ihn viele so langweilig finden. Ich meine, im Vergleich zu "Twilight" steppt da doch der Bär! *gg*

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Genauso ging es mir auch und deshalb habe ich auch so gezittert vor den Buddenbrooks. Aber ja, es war mindestens so turbulent wie die Lindenstraße ;) Twilight hat da wirklich keine Chance.

      Löschen
  4. "mindestens so turbulent wie die Lindenstraße"? Jetzt hast du mich überzeugt. ;-)

    AntwortenLöschen