Montag, 5. Mai 2014

Ein Jahr mit Nobelpreisträgern. Menschenkind von Toni Morrison



Menschenkind habe ich vor wenigen Monaten in einem Büchertauschregal in meinem Lieblingsstudibistro gefunden und es nun für die Nobelpreisträgerchallenge gelesen. Und zwar während des Lesemarathons 7 Days 7 Books, also geballt und in kurzer Zeit.

Inhalt

1885, zwanzig Jahre nach dem amerikanischen Bürgerkrieg: Sethe hat den Tod ihrer kleinen Tochter nie überwunden. Deren Geist treibt nun, achtzehn Jahre später, in ihrem Haus sein Unwesen. Als Paul D, ein alter Leidensgenosse von der „Sweet Home“-Plantage, Sethe besucht, ruft er dunkle Erinnerungen wach – aber er weckt auch Hoffnung auf einen Neuanfang … (Quelle)


Der Roman beschreibt das Geschehen aus verschiedenen Perspektiven und ist jeweils den Gedankengängen der Protagonisten sehr nahe, auch wenn es kein Bewusstseinsstrom ist, in dem hier geschrieben wurde.Oft wird der Tonfall etwas mystisch, aber das passt zur teils magischen Handlung.
Am Anfang fand ich es auch schwer, zwischen den einzelnen Figuren und Zeiten zu unterscheiden, weil alles ineinander übergeht. Das gibt sich aber, je mehr man von der Geschichte gelesen hat, weil man dann gut zuordnen kann.

Der Leser wird mitten in die Geschichte geworfen, es wird nichts erklärt. Fast ist es kein Erzählen, was Toni Morrison hier macht, und das bringt einem die Figuren richtig nahe. Man hört sie eher denken und sich erinnern und hat so an allem teil, was die Figuren ausmacht. Wenn man erst mal angekommen ist bei Sethe und den anderen, dann wird das Erzählte richtig lebendig und auch die magischen Elemente verstehen sich von selbst, werden ganz natürlich.

Dort wollte Sethe jetzt sein. Zumindest um der Leere zu lauschen, die der lang verklungene Gesang hinterlassen hatte. Höchstens vielleicht, um von der toten Mutter ihres Mannes einen Hinweis zu bekommen, was sie jetzt mit ihrem Schwert und ihrem Schild tun sollte, lieber Herr Jesus, jetzt, neun Jahre nachdem Baby Suggs, die Heilige, sich als Heuchlerin entpuppt, ihr großes Herz aus der Pflicht entlassen, sich in der Kammer niedergelegt hatte und nur hin und wieder noch von einem heftigen Verlangen nach Farbe und sonst gar nichts ergriffen wurde.
"Diese weißen Kreaturen haben mir alles genommen, was ich hatte und wovon ich träumte", sagte sie, "und mir noch dazu das Herz gebrochen. Das Unglück der Welt sind die Weißenleute." Die 124 verschloß sich und fand sich mit der Tücke des Geistes ab.
(S.125)
Besonders toll finde ich, dass hier eine ungewöhnliche und nahe gehende Familiengeschichte erzählt wird, die tiefgründige, nicht zu eindeutige Hauptfiguren enthält und mit einem Schuss der Schattenseiten amerikanischer Geschichte zu einem tollen Roman in jeder Beziehung wird. Denn er liest sich wirklich schön, wenn man erst mal drin ist, und die Geschichte ist mir auch jetzt noch sehr nahe.
Die Zutaten, die aus diesem Roman ein Werk des Magischen Realismus machen, haben mir besonders gefallen: Sethe hat zum Beispiel Narben auf dem Rücken, in denen eine ihrer Wegbegleiterinnen einen Baum sieht. Und natürlich Menschenkind, die aus dem Nichts auftaucht und die wiedergekehrte Tochter zu sein scheint, die als Baby starb und jahrelang das Haus der Familie, die 124, als Geist heimsuchte.

Einige Details über die Behandlung von Sethes Familie als Sklaven ist harter Tobak (vieles wird eher angedeutet und gewinnt so natürlich an grausamer Einprägsamkeit). Als Erst-Welt-Kind ab und zu mal die Ungerechtigkeit der Welt, ob nun von gestern, heute oder auch morgen, vor Augen geführt zu bekommen, ist lehrreich. Hier ist das Sklavendasein, die Unfreiheit und die Entwurzelung nicht vom Rest der Geschichte zu trennen und wird mit Bedacht und behutsam entfaltet, ohne dabei den Leser zu schonen.

Wie gesagt war es nicht ganz einfach, in die Geschichte hinein zu kommen. Aber wie ebenfalls schon gesagt hat diese Erzählweise die Figuren viel echter und facettenreicher erscheinen lassen.

Für wen ist das Buch?

Wer sich für Familiensagas interessiert, ist hier nur gut aufgehoben, wenn er auch sprachlichen Anspruch und Gewalt verkraften kann. Habe selten einen so sprachsensitiven Roman gelesen, bei dem man auch noch in der Übersetzung ganz hin und weg von der Athmosphäre ist, die alleine durch die Worte entsteht.

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1 Kommentar:

  1. Das klingt wirklich gut. Ich wollte den Roman vor Jahren eigentlich schon mal lesen, aber dann habe ich ihn doch in der Buchhandlung stehen gelassen und ihn seither wieder ganz aus den Augen verloren. Vielleicht schnapp ich ihn mir jetzt für die Challenge doch endlich mal.

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