Samstag, 17. Mai 2014

Buchverfilmungschallenge. Trainspotting

Trainspotting ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme, so einer, den ich immer wieder anschauen kann. Es war also höchste Zeit, sich auch einmal die literarische Vorlage anzueignen. Das Buch hatte ich bereits vor einigen Jahren im wunderschönen Barter Books erstanden (dementsprechend natürlich nicht auf Deutsch), nur vor dem Lesen hatte ich etwas Bammel, denn Trainspotting ist in Scots geschrieben. Aber erst mal zum Inhalt. Das sagt der Verlag (vintage books):
"The seminal novel that changed the face of British fiction.
Choose us. Choose life. Choose mortgage payments; choose washing machines; choose cars; choose sitting oan a couch watching mind-numbing and spirit-crushing game shows, stuffing fuckin junk food intae yir mooth. Choose rotting away, pishing and shiteing yersel in a home, a total fuckin embarrassment tae the selfish, fucked-up brats ye've produced. Choose life."
Was natürlich nicht viel zur Handlung sagt, zumal das meiste ein Buchzitat ist, aber doch schon einen Eindruck von der Atmosphäre des Buches vermittelt. Trainspotting besteht aus sehr lose zusammenhängenden Episoden aus dem Leben einiger Jugendlicher aus dem Edinburgher Stadtteil Leith. Ihnen gemeinsam sind die Themen Drogen und Gewalt sowie eine gewisse Abneigung gegen Anpassung und einen geordneten Alltag. Leith war - und ist gewissermaßen noch immer - bekannt für seine hohe Arbeitslosenrate und Kriminalität.

Wie ein roter Faden zieht sich die Geschichte Mark Rentons durch das Buch, der am häufigsten die Hauptfigur der Erzählungen ist. Trotzdem hat man am Ende keinen kohärenten Einblick in sein Leben bekommen, sondern eher Ausschnitte gesehen.

Darin besteht der wohl drastischste Unterschied zum Film, der eine durchgängige Geschichte erzählt, die sich voll und ganz auf Rents konzentriert. Im Buch haben wir zum Beispiel einige Kapitel aus Spuds Perspektive, wodurch man viel mehr Einblick in seine Psyche erhält als im Film. Auch die Mädchen der im Film präsentierten Clique haben ihre Auftritte, wenn auch seltener. Sick Boy alias Simon, der Bond-Fan, ist mir im Buch richtig an's Herz gewachsen, denn er stellt sich immer vor, Sean Connery bei sich zu haben, der ihn dann in seinen Gedankengängen bestätigen kann:
The oriental mantos depart tae the show, but they've agreed tae meet us for a drink in Deacons afterwards. Rents cannae make it. Boo-fucking-hoo. Ah'll cry masel tae sleep. [...] Ah'll just have to amuse both chickies... if ah decide to show up. Ah'm a busy man. One musht put duty fursht, eh Sean? Preshishly Shimon.
Ah shake off Rents, he can go and kill himself with drugs. Some fucking friends I have. Spud, Second Prize, Begbie, Matty, Tommy: these punters spell L-I-M-I-T-E-D. (S.30)
Den Roman in Puzzlestücken zu schreiben passt sehr gut zu dem oft lückenhaften Gedächtnis der Protagonisten. Ihre oft zusammenhanglose Rede trägt schon etwas von der Inhaltsleere ihres Lebens in sich. Als Leser habe ich jede Episode für sich betrachtet. Man ist sofort in der jeweiligen Situation. Gut, durch die Fremdsprache hatte ich ab und zu Einstiegsprobleme, weil Scots nun mal nicht Englisch ist. Aber jede Figur hat auch ihren ganz eigenen Redestil und mit etwas Übung konnte ich fast jeden sofort zuordnen. Mein Hauptproblem war eingangs, dass mir gar nicht klar war, dass hier keine kohärente Story erzählt wird. Gerade, wenn man den Film kennt, erwartet man das irgendwie. Ich dachte also, es liegt an mir, dass ich keinen Zusammenhang zwischen den Kapiteln erkennen kann...


Absurderweise habe ich die im Film extremen Szenen (zum Beispiel Marks kalter Entzug) im Buch gar nicht als so herausstechend wahrgenommen. Ob das nun an der Sprachbarriere liegt oder daran, dass alles durch die drogenverhangene Perspektive der Hauptfiguren erzählt wird, weiß ich nicht.

Für den Film wurden einige Szenen weggelassen und andere Szenen hinzugefügt, um mehr Zusammenhang zu schaffen (vieles, was sich im Film in London abspielt, existiert im Buch nicht), einige Erzählstränge und damit FIguren verschwinden. Das finde ich auch nach dem Lesen noch eine gute Entscheidung. Als Episodenfilm wäre Trainspotting bestimmt nicht so erfolgreich gewesen. Nur um die Figuren tut es mir natürlich leid.

Der Film schafft es durch den Einsatz von Musik und phantasievollen Darstellungen und Effekten, den Drogenrausch und das Gefühl der Ausweglosigkeit auf den Zuschauer zu übertragen. Im Buch ist man den Figuren durch die Erzählung aus der jeweiligen Ich-Perspektive ganz nah, und dieses Gefühl geht im Film nicht verloren, wenn auch nur Mark Renton als Protagonist präsentiert wird, der im Buch übrigens deutlich mehr Backstory erhält.

Wahrscheinlich bin ich voreingenommen, aber ich halte Danny Boyles Verfilmung für eine gelungene Adaption, wenn man auch auf einige kontroverse Szenen zugunsten eines leichter vermarktbaren Films verzichtet hat.


Für wen ist das Buch?

Als Ergänzung zum Film kann ich das Buch empfehlen. Mich würde mal interessieren, wie das Ganze andersrum funktioniert, also ob Leser des Buches den Film im Allgemeinen in Ordnung finden. Ich habe mich jedenfalls überhaupt nicht gelangweilt, sondern im Gegenteil viel Neues entdeckt.

Das Buch lässt einen auch hautnah ein Stück schottische Gesellschaft erleben. Trainspotting war in den 90ern eines der wichtigsten Bücher in Großbritannien, jedermann las es. Wer sich also für die UK begeistert, der sollte Trainspotting auch kennen. Als Geschichte aus dem Drogenmilieu bietet das Buch eine leichter verdauliche Alternative zu deutschen Romanen wie Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Dennoch wird der Drogenkonsum nicht verharmlost; durch die Augen der Abhängigen sieht man die Ausweglosigkeit der Situation genauso wie ihr Zustandekommen, da fehlt jeder Ekelfaktor. Der Junkie ist einer wie du und ich, nur mit schlechteren Zukunftsperspektiven, kein fremdes Wesen, das man nicht versteht.

Wer sich für Sprachen interessiert, bei dem hat Trainspotting sicher noch einen Pluspunkt. Zur deutschen Übersetzung kann ich leider gar nichts sagen.

Eine Überraschung habe ich noch erlebt: Ich hatte mir Irvine Welsh wie selbstverständlich als so eine Art Enfant terrible vorgestellt, einen Autor, den man ungern interviewt, weil er ähnlich unangepasst wie seine Figuren ist. Doch weit gefehlt: Zwar nimmt Welsh kein Blatt vor den Mund und muss in britischen Medien ordentlich zensiert werden (fuck, shite und Co. gehören zu seinem Alltagsvokabular). Aber bei den Interviews, die ich mir nach der Lektüre angehört habe, weil mich interessiert hat, wie Trainspotting eigentlich entstanden ist, hat Welsh alle Fragen und Kritiken höflich beantwortet und kluge Dinge zu sagen gehabt. Wer sich auch interessiert: Im BBC World Book Club ist eine Episode mit Welsh verfügbar.

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