Dienstag, 8. April 2014

Ein Jahr mit Nobelpreisträgern. Pearl S. Buck: Das Mädchen Orchidee

Diejenigen, die im März bei der Miniausgabe von 7 Days 7 Books mitgemacht haben oder meine Posts verfolgt haben, haben schon etwas von Das Mädchen Orchidee mitbekommen. Es ist der wohl bekannteste Roman der Schriftstellerin Pearl S. Buck. Als Diplomatenkind ist sie in China aufgewachsen und erzählt in diesem Buch von einer der wichtigsten Figuren der neueren chinesischen Geschichte, der Kaiserin Cixi.

The Empress Dowager Cixi's Painting
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Es ist eine unwahrscheinliche Geschichte, die man da liest: Cixi wird als Konkubine in die Verbotene Stadt gerufen wie viele andere junge Frauen auch. Einige werden sofort wieder ausgesiebt; die meisten übrigen erwartet ein Leben des Nichtstuns und der Enthaltsamkeit, denn der Kaiser wird sich seine Lieblinge auswählen und den Rest vergessen. Cixi hegt den Plan, des Kaisers Liebling zu werden und schafft das auch. Als sie dann auch noch einen Sohn gebärt, beginnt das höfische Intrigenspiel... Doch nicht nur in den eigenen Reihen lauern die Feinde, das chinesische Reich kann sich kaum gegen die Engländer mit ihren modernen Waffen und fremden Sitten wehren, und der Kaiser ist ein schwacher Mann.

Der jungen, einsamen Cixi auf ihrem Lebensweg zu folgen war ein besonderes Leseerlebnis. Zwar sind die Details ihres Lebens wohl nicht ganz wahrheitsgemäß wiedergegeben, was ich im Nachhinein als kleinen Dämpfer empfunden habe, aber als jemand, der gerne reist und sich für fremde Kulturen und Zeiten begeistert, konnte ich diesen Roman nur verschlingen.

Als Kaiserinwitwe (Quelle)
Am Anfang fand ich es schon etwas schwer, in die Geschichte reinzukommen: Die Protagonistin war mir allzu sehr von ihrem Erfolg am Kaiserhof überzeugt. Das war nicht der Ton der leisen Hoffnung eines Underdogs, der immer sympathisch bleibt. Cixi wird von Beginn an als willensstark und resolut gezeichnet, als jemand, der eigene Bedürfnisse zurückstellt und koste es was es wolle China dient. Dabei ist der Erzählton aber nie patriotisch, wie das jetzt vielleicht klingt.
Aber nach den ersten zwanzig Seiten war ich dann in der Story, war praktisch selbst in der Verbotenen Stadt, und habe mich sogar ein oder zweimal beim Intrigenschmieden ertappt.

Viele kleine Einblicke in die chinesische Tradition und den Alltag bringen einem die ganz anders denkenden Protagonisten des Buchs näher (nur als Beispiel: Ein echt informativer Artikel über Lotusfüße – ohne abstoßende Bilder). Und die hier beschriebenen Ereignisse, die China letztendlich in die Moderne katapultiert haben, sind auch für sich schon interessant und wissenswert. In der Schule habe ich, wenn ich mich recht erinnere, nur einen kurzen Exkurs über die Boxeraufstände gemacht, und kann mich nur an ein erschütterndes Foto von den hingerichteten Boxern erinnern. Dieses Bild wurde durch den Roman wieder mit Inhalt gefüllt und in einen historischen Kontext gebracht.

Das Mädchen OrchideeCixi, diese junge Frau, hat eines dieser einzigartigen Leben geführt, deren Verlauf allein einen schon denken lässt, dass es sich kaum um einen normalen Menschen handeln kann. Es passiert sehr viel in diesem Roman; die ganzen politischen Verflechtungen werden vor dem Leser ausgebreitet und sorgen immer für 'Action'. Von einem doch inzwischen 50 Jahre alten Buch hatte ich nicht so viel Handlung erwartet, sondern eher ein gemächliches Dahintreiben; die Sprache des Romans war da eher erwartungskonform, aber nicht sperrig, sondern eben einfach etwas ruhiger. Vielleicht habe ich mich auch von dem Cover beeinflussen lassen (meine Ausgabe, siehe links, ist so eine alte Bertelsmann Lesezirkel-Ausgabe, von der Aufmachung ähnlich den Reader's Digest Bänden mit Kunstlederrücken).

Ich bin sehr froh, dass ich dieses Buch behalten und endlich auch gelesen habe. Jetzt würde ich mir nur noch vielleicht eine Neuübersetzung wünschen, sodass ich das Buch jedem vorbehaltlos empfehlen kann.

Die Kaiserin mit den Eunuchen des Hofes (Quelle)

1 Kommentar:

  1. Interessantes Buch! Ich muss zugeben, dass ich bis eben noch nichts davon gehört habe. :)
    Vor allem das Lotusfuß-Thema finde ich schrecklich (und) interessant.
    Und manchmal frage ich mich, ob wir Menschen heutzutage nicht ein ähnliches Schönheitsideal haben: Frauen, die in unbequemen Schuhen hilflos umhertippeln und sich die Füße auch (wenn auch nicht so schlimm!) kaputt machen.

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