Mittwoch, 30. April 2014

Buchverfilmungschallenge. A long way down (Buch und Film)

Dieses Buch habe ich gezielt für die Buchverfilmungschallenge ausgewählt. In der Vergangenheit habe ich mit Nick Hornby gemischte Erfahrungen gemacht, ich komme aber gerne auf ihn zurück, weil er mir einfach sympathisch ist.

Buch

A Long Way DownIn diesem Roman treffen vier Menschen aufeinander, die ihr Leben beenden wollen. Jeder hat mehr oder weniger nachvollziehbare Gründe für sein Handeln, alle sind abgrundtief einsam: Martin, der Ex-TV-Moderator, der sein Leben durch einen folgenschweren Fehltritt unkittbar zerstört und sich dem Hohn der Öffentlichkeit ausgesetzt hat; Maureen, deren Sohn ein Pflegefall ist und die kein Leben zu haben scheint; J.J., eine Art moderner Werther, der eine selbstzerstörerische Lust am eigenen Leid zu empfinden scheint; Jess, die Politikertochter, die einfach mal ein bisschen Nestwärme gebrauchen könnte, nachdem ihre Schwester spurlos verschwunden ist.

Als Gedankenexperiment fand ich die Romanidee schon gut: Was passiert, wenn vier Verzweifelte aufeinander treffen? Wie könnten sie sich gegenseitig helfen?
Leider war die Geschichte dann auch genauso wie ein Gedankenexperiment, nämlich arg konstruiert und unglaubwürdig.

Aber diesmal lag es überhaupt nicht an den Figuren; Nick Hornby ist ganz groß darin, Figuren Leben einzuhauchen, und ich konnte mir jeden der vier als reale Personen vorstellen. Auf einem Haufen sind sie vielleicht etwas extrem gewesen, aber jeder für sich könnte wirklich existieren. Was besonders dazu beigetragen hat, ist sicher die Erzählform: Der Roman wird abwechselnd aus der Sicht der vier Protagonisten erzählt und jeder hat eine eigene, wiedererkennbare Stimme, eigene Sprachfloskeln. Das bringt einem die vier Möchtegernselbstmörder unglaublich nahe und zeigt, was sie den anderen vorenthalten. Hornby nutzt diese Technik extrem gut (bei vielen Autoren habe ich den Eindruck, dass sie nur aus verschiedenen Perspektiven schreiben, weil das gerade so hip ist). Was also die Protagonisten angeht, hätte mich das Buch überzeugt.

Aber, aber... die Handlung. Erst mal dauert es ewig, bis man von diesem Dach, von dem sich alle zu Beginn stürzen wollen, wieder runterkommt. Und dann wirft Hornby seine Figuren scheinbar in einige interessante Szenarios und erkundet ihr Verhalten. Das ist einfach etwas unrealistisch, gerade im Kontrast zu den tollen Figuren.
Kleine Meckerei am Rande: Es gibt einige gedankliche Wiederholungen, die dem Lektorat eigentlich hätten auffallen müssen.

Gegen Ende entlarvt der Autor noch den unbedarften Leser: Eine der Figuren merkt an, man denke vielleicht, dies sei ein Feel good movie, bei dem vier Selbstmörder gemeinsam die Freude am Leben wiederentdecken und auf ewig beste Freunde werden. Aber das sei nicht so, denn dies ist nicht Hollywood. Nach kurzem Nachdenken fühlte ich mich dann echt ertappt. Ja, irgendwie hatte mich diese Kälte zwischen den vieren gestört, ich dachte: Warum tun die sich nicht wirklich mal zusammen und helfen sich? Wahrscheinlich hat Hornby schon Recht: Jemand, der gerade so vom Suizid abgehalten wurde gibt sicher keinen fürsorglichen, tollen Kumpel ab, weil er erst mal mit den eigenen Problemen beschäftigt ist. Ich verstehe die Argumentation. Aber gleichzeitig bin ich trotzdem enttäuscht von dem Roman, den ich seit Erscheinen lesen wollte, weil ich scheinbar insgeheim genau so ein Feel good movie erwartet hatte.

Film

...und da haben wir es, das Feel good movie! Jedenfalls so halb. Drehbuchautor Jack Thorne scheint genau auf diesen Realitätsanspruch Hornbys zugunsten eines leichten, frohgemuten Films verzichten zu wollen. In seltsamen Kontrast dazu stehen die Bilder, in denen Regisseur Pascal Chaumeil diese Geschichte erzählt. Es gibt einige sehr schöne Einstellungen und visuelle Ideen, aber am Ende ist der Film weder Jacke noch Hose.

Auch im Film haben mir die Figuren noch am besten gefallen: Pierce Brosnan (Martin) wird ein immer besserer Schauspieler und ich konnte ihn mir von Anfang an gut in der Rolle des abgehalfterten Stars vorstellen. Aaron Paul (J.J.) hat genug Traurigkeit in den Augen, um den Amerikaner der Gruppe glaubhaft, wenn auch etwas tableauartig zu spielen. Imogen Poots (Jess) war mir eine reine Freude: Während die Jess im Buch vor allem agressiv war und teilweise extrem boshaft, kommt hier öfter ihre sanfte Seite zum Ausdruck, sozusagen die wahre Jess unter all der Trauer. Nur Toni Collette als Maureen konnte so gar nicht überzeugen. Ich halte Toni Collette für keine schlechte Schauspielerin, sondern nur hier für die falsche Wahl, denn um sie abgearbeiteter und älter aussehen zu lassen, wurde nicht sehr echt aussehendes Make-up benutzt... Allerdings spielt sie die schüchterne Maureen abgesehen von dem unpassenden Äußeren gut.

An der Handlung wurde einiges geändert, in einigen Fällen durchaus zum Besseren, sodass Platz für einige Zusatzszenen frei wurde, in denen man die Figuren besser kennen lernen konnte. Allerdings fehlte an anderer Stelle genau dieser Hintergrund, sodass ich mich insgesamt frage, wozu dann die Extraszenen gut sind: Wozu mehr J.J., wenn bei Martin kaum mal durchkommt, in welcher Beziehung er zu seiner Noch-Ehefrau steht? Das erklärt sich wohl durch den Cast, denn Aaron Paul ist ja dank Breaking Bad im Moment sehr angesagt.

Ich habe Buch und Film gemeinsam mit meinem Freund gelesen/angeschaut und wir hatten beide das Gefühl, mehr von dem Film gehabt zu haben als die anderen Kinogänger, die das Buch offenbar nicht kannten. Wir hatten den Vergleich und das hat uns über den Film auch beschäftigt. Sonst wäre es wohl eine etwas langweilige Angelegenheit geworden. Hier zu entscheiden, ob Buch oder Film besser war, ist wirklich schwer. Vielleicht würde ich sogar zum Film tendieren, weil der wenigstens nach 96 Minuten vorbei ist ;) Aber das klingt dann doch etwas hart.

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