Donnerstag, 23. Januar 2014

Rezension. Mrs. Dalloway von Virginia Woolf

Ich lese gerne 'wichtige' Romane, um selbst herauszufinden, warum sie wichtig sind. Seine Berühmtheit war tatsächlich der einzige Grund, warum ich den Roman Mrs. Dalloway lesen wollte. Gut, Virginia Woolf hat mich auch schon lange fasziniert, aber mehr wegen des bewegenden Abschiedsbriefs an ihren Mann. Sie beging Selbstmord in einer depressiven Phase (wahrscheinlich war sie manisch depressiv):
Dearest, I feel certain that I am going mad again. I feel we can't go through another of those terrible times. And I shan't recover this time. I begin to hear voices, and I can't concentrate. So I am doing what seems the best thing to do. You have given me the greatest possible happiness. You have been in every way all that anyone could be. I don't think two people could have been happier 'til this terrible disease came. I can't fight any longer. I know that I am spoiling your life, that without me you could work. And you will I know. You see I can't even write this properly. I can't read. What I want to say is I owe all the happiness of my life to you. You have been entirely patient with me and incredibly good. I want to say that—everybody knows it. If anybody could have saved me it would have been you. Everything has gone from me but the certainty of your goodness. I can't go on spoiling your life any longer. I don't think two people could have been happier than we have been. V.

Das war 1941. Mrs Dalloway erschien 1925 und zeigt nach Woolfs eigenen Angaben die Weltsicht des Gesunden und des Geisteskranken Seite an Seite (Tagebuch 14.10.1922).
Mrs. Dalloway ist eine gesellschaftlich hoch stehende Dame, die an einem Tag im Juni eine Abendgesellschaft vorbereitet. Am Morgen fährt sie Blumen kaufen. So beginnt der Roman.


Es ist schwer, von der Handlung zu berichten, denn die Geschichte steht nicht im Mittelpunkt und es wird nicht stringent erzählt. Vor allem wechselt die Perspektive ständig und unmerklich. So spaziert an besagtem Morgen auch ein gewisser Septimus Warren Smith mit seiner Frau durch die Stadt, dessen Gedanken dann verfolgt werden, bevor auf seiner Frau gewechselt wird, dann auf die Blumenhändlerin und zurück auf Clarissa Dalloway.
So geht das den ganzen Roman über. Am Anfang war ich mehr als verwirrt, nach einer Weile hatte ich allerdings den Dreh raus.

Gegenpunkt zu Mrs. Dalloway ist besagter Septimus. Er ist Kriegsveteran aus dem Ersten Weltkrieg und durch seine Erlebnisse tief verstört. Klang für mich nach posttraumatischem Stress, aber den Begriff gab es damals noch nicht.
Septimus ist jeden Gefühls unfähig, aber in der Natur fühlt er sich unglaublich wohl, jede Sekunde ist voller Glück. Die Nervenärzte, die seine Frau ruft, machen ihn allerdings nervös. In ihnen sieht er all das Böse im Menschen.
Seine Visionen und Wahrnehmungen werden sehr eindrücklich geschildert. Was sagt es über mich, dass mir Septimus die liebste Figur des Buches war? All die anderen Figuren, die "Normalen", sind so kalt und öberflächlich; der Smalltalk und die Missgunst füreinander machten sie mir unsympathisch. Dennoch denke ich, dass Virginia Woolf eine treffende Skizze der damaligen Gesellschaft gelungen ist. Und das ist das wahrhaft Irre daran. Diese privilegierten Menschen sind alle zutiefst unglücklich; sie trauern verpassten Gelegenheiten und unglücklichen Beziehungen nach, haben ihre alten Freunde verloren und sind eigentlich alle auf sich gestellt. Sie müssen mit dem Leben klarkommen, dass sie sich erbaut haben.

Es war ein sehr schwer zu lesender Roman und ich kann nicht sagen, dass ich Spaß hatte. Allerdings lag ich auch krank im Bett und hätte vielleicht zu etwas einfacherem wechseln sollen; nur meine Sturheit hat mich davon abgehalten.
Aber Mrs. Dalloway war in seiner Form anders als alles, was ich kenne - nur dem Ulysses gleicht Woolfs Erzählton gewissermaßen. Wer eine Herausforderung zu schätzen weiß, dem wird Mrs. Dalloway gefallen.

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