Donnerstag, 12. Dezember 2013

Rezension. Widdershins von Charles de Lint

Widdershins (Newford, #16){Dieses Buch hat mir jemand von seinem Kanadaurlaub als Geschenk mitgebracht. Ich zitiere also aus einer englischsprachigen Ausgabe.}

Widdershins ist die Richtung, die man einschlägt, um nach Faerie zu gelangen, in das Feenreich. Man geht gegen den Uhrzeigersinn um einen bestimmten Gegenstand - "walking widdershins".
In diesem Roman springen eine große Menge an Figuren zwischen den Welten hin und her, und es gibt nicht nur die Menschenwelt und Faerie, sondern auch Taschenwelten, die sich dazwischen verstecken. Abgedreht? Es kommt noch besser.

Lizzie trifft in der Einöde auf eine Gruppe "bogans" (Zwergenartige), die eine "cerva" (Hirschartige) getötet haben. Weil sie sie anständig begräbt, nachdem sie die bogans vertreiben konnte, erscheint ihr der cerva-Vater, der das Oberhaupt seines Stammes ist, und dankt ihr. Doch ab sofort sind ihr die fiesen bogans auf den Fersen.
Währenddessen steht Geordie an einem Wendepunkt in seinem Leben: Der Geigenspieler (natürlich Irish Folk, es ist immer Irish Folk) stellt fest, dass die Feenkönigin, die seine Geliebte war, ihn die ganze Zeit mit Hilfe von Zaubern an sich gebunden hat. Außerdem kommt er langsam zu dem Schluss, dass es doch nicht so spießig wäre, dauerhaft in einer Band zu spielen, vielleicht sogar ein bisschen Geld über Plattenproduktion zu verdienen.
Jilly wiederum, eine Freundin Geordies, ist seit einem Unfall "the Broken Girl" und sitzt im Rollstuhl. Die Malerin kann die Bilder in ihrem Kopf wegen eines Tremors in der Hand nicht mehr ausführen, was sie sehr mitnimmt.

Als die bogans Lizzie in ihre Welt entführen und gleichzeitig Jilly aus ihrem Bett verschwindet, beginnt eine große Such- und Rettungsaktion, in die Mensch und Faerie gleichermaßen involviert sind.

De Lint liefert starke Urban Fantasy. Da laufen Elfen in Baggy Pants umher und halten in der Mall ihren Hof. Und es gibt die kleinen treekin, die sich immer mehr Technik einverleibt haben, so dass einige zu techno treekin geworden sind und komplett aus SD-Chips, iPods und Kabeln bestehen. Es gibt auch alte Geister, die schon vor den Einwanderern da gewesen sind, Büffel, die cerva, und natürlich Raven, der die Welt geschaffen hat, sich aber nicht recht daran erinnern kann.

Ich hatte einige Probleme mit dem Buch, obwohl es mich nicht langweilte. Urban Fantasy ist einfach nicht mein Ding, was ich wusste, aber nicht der liebe Mensch, der mir das Buch geschenkt hat.
Der Autor Charles de Lint scheint in Kanada sehr bekannt zu sein. Dies ist der 16. Band in einer Serie. Da ich die restlichen Teile nicht kenne, hatte ich erst die Befürchtung, nicht in die Story reinkommen zu können, aber der Einstieg wird einem wirklich leicht gemacht und die Teile scheinen mehr oder weniger selbständig zu sein. Zwar tauchen ab und zu mal Referenzen auf andere Geschichten auf, aber man hat nie eine wichtige Wissenslücke, wenn man das dazugehörige Buch nicht gelesen hat. Das war also nicht das Problem, im Gegenteil, ich mag es, wenn andere Geschichten nur angedeutet werden. Das gibt einem Buch mehr Tiefe und wirkt 'echter'.
Nein, was mir beispielsweise nicht gefällt ist, wenn ständig Leute sterben und dann wieder zum Leben erweckt werden. Ich weiß, Märchenelement und so, aber muss man das so ausreizen? Irgendwann wirkt so ein Tod dann nämlich nicht mehr. Dann denke ich nicht an den schlimmen Umstand, dass gerade eine Hauptfigur ausradiert wurde, sondern nur noch: "Ach ja, was soll's, das kommt sicher wieder in Ordnung." Das kann doch nicht sein, was ein Autor sich wünscht.
Unschön sind auch die vielen Figuren; das ist wohl der Nachteil, wenn man zuerst Band 16 liest ... Wobei die Anordnung der Geschichten scheinbar eher wie bei Terry Pratchetts Scheibenweltromanen sind, also die Bände nicht chronologisch geordnet sind, sondern nur im selben Universum mit wiederkehrenden Figuren spielen. Also werte ich das nicht negativ.
Stattdessen fällt aber das Reflektieren ins Gewicht. So was kann sich echt ziehen, gerade mein englischer Geduldsfaden ist noch kürzer als mein deutscher - ich weiß, not very british. Da habe ich dann doch hier und da ein ganz klein wenig abgekürzt - bei 560 Seiten Gesamtlänge kann man sich das auch mal erlauben.

Was man de Lint wirklich zugute halten muss ist seine ausgeklügelte Mythologie. Er verwebt irische und indianische Sagen zu einer komplexen Welt mit festen Regeln und Beziehungen.

Kennt irgendwer vielleicht Charles de Lints Bücher? Ich würde gerne andere Meinungen dazu hören, aber meines Wissens gibt es bisher keine deutsche Übersetzung seines Werks.

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