Dienstag, 5. November 2013

Rezension. Der Hauptmann von Köpenick oder: Wem gehört diese Uniform?


Regal-Challenge: 17/38

Manchmal passt einfach nichts zusammen beim Lesen, obwohl alle Zeichen gut zu sein scheinen.
Der Hauptmann von KöpenickZum Beispiel sprechen in diesen Drama fast alle Berlinerisch in verschiedenen Abstufungen, an ein, zwei Ecken auch Hamburgisch. Sobald ich auch nur eine Seite in Berliner Zunge lese, rede ich den ganzen Tag selber so. Das ist eine dieser Mundarten, wo man sich am liebsten reinlegen würde wie in 'ne schöne warme Badewanne. Geht mir jedenfalls so. Und dann komm ich nicht mehr raus, weil die Anstrengung, die man dafür betreiben müsste, einfach nicht mit einer ihr entsprechenden Belohnung verbunden ist.
Aber zurück zum Thema:
Wilhelm "Willem" Voigt ist ins Räderwerk des wilhelministischen Deutschland gelangt: Nach einer Haftstrafe will man ihn erst einen Pass geben, wenn er Arbeit gefunden hat, aber niemand lässt ihn ohne Pass bei sich arbeiten.
So weit, so verzwickt. Aus dieser Lage kann sich Voigt nur mithilfe eines Passes befördern. Er versucht mehrfach, sich einfach einen zu "besorgen", keinen gefälschten, sondern direkt von der Passausgabestelle, wo die Dinger in kaiserlicher Ordnung vorrätig zu haben sind.

Das hätte eine Komödie auf den Wilhelminismus werden können, und das habe ich wohl auch erwartet, so als Fan von Heinrich Mann ("Der Untertan", "Professor Unrat"). Aber Carl Zuckmayer meint es ernst, und so ist denn auch das Drama. In schier endlosen Szenen sieht man Uniformträger, denen es gut geht, die geachtet werden, die sich einiges erlauben können (und auch davon ausgehen, das Recht dazu zu haben, sodass sie manchmal über die Stränge schlagen). In anderen Szenen sieht man die andere Seite: Die Obdach- und Arbeitslosen, der "Abschaum" der Gesellschaft, alle scheinbar nette Typen, nur aus Verzweiflung begehen sie Straftaten.

Und dann der Anzug.
Das Drama beruht auf wahren Begebenheiten: Am 16. Oktober 1906 hat ein Wilhelm Voigt sich eine vom Trödler erstandene Hauptmannsuniform angezogen und allein dadurch die nötige Autorität für einen genialen Streich erlangt. Er fing einen Soldatentrupp ab, den er unter sein Kommando nahm. Die Kompanie machte sich auf zumRathaus, wo Voigt den Oberstadtsekretär und den Bürgermeister festnehmenließ. Dann beschlagnahmte er die Stadtkasse (knapp 4000 Mark) und flüchtete in einer Droschke. Ich empfehle den Wikipediaartikel dazu, die Details sind einfach zu gut.
Die Uniform taucht schon in der ersten Szene auf: Erst lässt sich ein hohes Tier des kaiserlichen Beamtenapparats das Teil maßschneidern, dann muss er wegen einer Schlägerei seinen Posten räumen (wegen Soldatenehre, nicht wegen Rauswurf) und gibt die Uniform auf Kommission zurück. Das sind jede Menge Szenen, die mir zu viel waren. Irgendwie so, als halte Zuckmayer sein Publikum für blöde und müsse alles ausbuchstabieren. Ich hätte besser gefunden, wenn eine den Wilhelminismus entlarvende Story in Voigts eigene Geschichte mit eingewoben worden wäre. So war die Geschichte oft zweigeteilt. Was auch nicht durch die lange Zeitspanne besser word, in der das Drama spielt: Es setzt bereits 10 Jahre vor Voigts Coup ein, nach dem ersten Akt geht er erst mal ins Gefängnis.

Dadurch haben sich die popligen 128 Seiten richtig gezogen. Der dritte Akt war dann vollkommen okay, also wenn es 'losgeht'. Den Schluss fand ich persönlich etwas zu flach, aber damit könnte ich leben.

Wie man am Cover sehen kann, gibt es auch eine recht berühmte Verfilmung mit Heinz Rühmann. Ich habe den Film nicht gesehen (werd ich wohl auch nicht, steh nicht so auf Rühmann), aber die Rolle ist ihm auf den Leib geschneidert. Wer mal Heinz Rühmann in Aktion gesehen hat: So ist Willem Voigt.

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