Mittwoch, 2. Mai 2012

Charles Dickens. Große Erwartungen

Große Erwartungen"Große Erwartungen" ist aus gutem Grund nicht der beliebteste Dickens-Roman: Die Hauptfigur Pip ist nicht immer leicht erträglich.
Der junge Pip, der eine Schmiedlehre bei seinem Ziehvater, einem liebenswürdigen, aber vollkommen ungebildeten Mann, macht, erhält von einem Unbekannten die Mittel für einen gänzlich anderen sozialen Stand. Das Problem: Pip ist genau auf diese höhere Stellung fixiert, er wird hochnäsig und lässt alte Freunde und Bekannte dafür fallen. Der Titel bedeutet nicht nur, dass Pip ein Vermögen erben soll, sondern spricht seinen eigenen Anspruch ans Leben aus: Er will sich nicht mit dem einfachen Leben, in das er hinein geboren wurde, abgeben.
Ursprung dieses Übels ist seine allen Regeln des Verstandes trotzende Liebe zu der kühlen und gesellschaftlich besser gestellten Estella. Ihretwegen beginnt er sich für seinen Stand und seine Familie zu schämen.

Dickens erzählt hier durch Pips Augen die Geschichte seiner Läuterung und späten Einsicht.
Ich muss sagen, dass ich nur langsam in die Geschichte hereinkam, obwohl es direkt spannend wird. Aber die Story nimmt doch erst recht spät wirklich Fahrt auf. Pip kommt nach London, um dort erzogen zu werden. Als er endlich den Urheber seines finanziellen Segens entdeckt, fällt er aus allen Wolken...
Das Ende ist ein wenig knapp ausgefallen - ich verrate es natürlich nicht.

Das heißt trotzdem nicht, dass mir das Buch nicht gefallen hat. Wer Dickens kennt, weiß schon, worauf ich hinaus will. Der Dickenston ist einfach so vergnüglich, seine Beschreibungen so gestochen scharf, dass es Spaß macht, seine Texte zu lesen, selbst, wenn er über Hufbeschlag schreiben würde. Ein weiterer dicker Pluspunkt sind die schrillen, aber liebenswürdigen Charaktere. Selbst Pip ist am Ende kein unsympathischer Typ. Es hat es nur schwerer, weil der Leser sein Weltbild durch die Erzählperspektive die ganze Zeit auf die Nase gebunden bekommt, und mit dem ist man nicht immer einverstanden. Es muss ihm aber zugute gehalten werden, dass er als aus der Retrospektive Erzählender auch des Öfteren anmerkt, dass er ein Narr und Snob gewesen ist und nun anders denkt.
Ich denke, ein anderes Problem ist, dass es in diesem Roman vor schwierigen Charakteren nur so wimmelt: Die Männer hassende Miss Havisham (die ich einfach wunderbar creepy und irre fand, weil in ihrem Haus die Zeit stehen geblieben ist und sie tagein, tagaus in ihrem Hochzeitskleid rumrennt), ihre Adoptivtochter Estella (zu deren Verteidigung sich eigentlich nur sagen lässt, dass sie das Produkt der Havisham'schen Erziehung ist) sowie einige dubiose Gestalten in London. Aber diese haben einen gewissen Hang zum Lächerlichen gemein, was wirklich putzig ist. Dabei schildert Dickens keine unmöglichen Figuren, sondern bleibt im Rahmen des Möglichen. Der Brite ist ja schließlich für seinen Hang zum Exzentrischen bekannt (eine Figur hat gemäß dem Spruch "My home is my castle" sein Heim wirklich zu einer Burg umgezimmert - inklusive Burggraben!).
Man kann also nicht wirklich anders, als das Buch zu mögen. So ging es mir wenigstens, auch wenn mir "David Copperfield" besser gefallen hat.

Eins sei noch zur Ausgabe gesagt, denn die muss man wirklich loben: Die Neuübersetzung von Melanie Walz ist wirklich erstklassig. Es gibt einen breiten Anhang mit Texten über Dickens' Leben und die Entstehung von "Große Erwartungen" sowie ausführlichen Anmerkungen zum Haupttext, in denen nicht nur die verschiedenen Ausgaben verglichen werden (denn die Ausgaben enthalten teils unterschiedliche Texte) und Erläuterungen zu Übersetzungsschwierigkeiten, sondern es werden auch inhaltliche Besonderheiten erklärt. Das hat teils wirklich zu meinem Textverständnis beigetragen (besonders, wenn intertextuelle Bezüge erläutert wurden oder eine Anmerkung in Interpretation überging). Diese Ausgabe kann ich nur jedem ans Herz legen.


Erschienen im Hanser Verlag, München 2011 (ISBN 978-3-446-23780-5).

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen