Dienstag, 22. Mai 2012

John Steinbeck. Früchte des Zorns

Früchte des Zorns
Tom Joad kehrt nach Jahren im Gefängnis auf Bewährung entlassen nach Hause zurück. Nach Hause? Er und seine Familie haben kein Zuhause mehr. Es ist die Wirtschaftskrise Amerikas und andere behaupten, den Grund und Boden der Familie Joad zu besitzen. Und so macht sich diese Großfamilie, bestehend aus drei Generationen, mit der vierten auf dem Weg, zusammen mit dem vom Glauben abgefallenen Prediger Casey in Richtung Südwesten auf, dorthin, wo es angeblich Arbeit und Lebensraum gibt.


Als Leser begleitet man die Familie Joad durch die Wirren dieser alles umwälzenden Krise, durch alle Verluste und Rückschläge. Doch ist Steinbeck nicht nur genauer Beobachter der damaligen Zustände, er versteht es auch, immer wieder einen Lichtschimmer am Horizont erscheinen zu lassen. Nie fällt die Familie vollends auseinander, was auch geschieht, es geht immer weiter.

Kapitel, die die Geschichte der Familie Joad erzählen, wechseln sich mit kurzen Kapiteln ab, in denen auf wie ich finde poetische Weise ein Überblick über die Vorgänge der Wirtschaftskrise gegeben wird. Dadurch muss jedem Leser das Räderwerk dieser Vorgänge und deren Auswirkungen klar werden. Als jemand, der sich nie mit diesem Kapitel amerikanischer Geschichte auseinandergesetzt hat, empfand ich diesen Aspekt des Romans äußerst anschaulich und überhaupt nicht störend. Auch der Wechsel der hohem Sprache dieser erklärenden Kapitel, die ein wenig an die Bibel erinnert, aber wenig von deren Sperrigkeit hat, mit der einfachen Sprache der Joads, die ihre geringe Bildung verdeutlicht, ist erfrischend. Nur zu Beginn brauchte es einige Zeit, in den Rhythmus des Buches hineinzufinden, der etwas langsamer ist, als ich es gewöhnt bin. Wenn das erst geschafft ist, geht es zügig vorwärts.

Obwohl das Buch schon über 70 Jahre auf dem Buckel hat, liest es sich sehr flüssig. Ich war gebannt von seiner erzählerischen Kraft und kann es uneingeschränkt weiterempfehlen.

Eine Leseprobe aus der dtv-Ausgabe gibt es hier. Sie umfasst die ersten zwei Kapitel und ein kleines Stück vom dritten.

Montag, 14. Mai 2012

Matt Ruff. G.A.S. - Die Trilogie der Stadtwerke

G.A.S. ( GAS). Die Trilogie der Stadtwerke.Ich habe mit GAS alle auf Deutsch erschienen Matt Ruff Romane gelesen. Man kann mich also durchaus als Kenner und meist auch als Liebhaber bezeichnen. Soviel im Voraus.

GAS erzählt die wahnwitzige Geschichte eines New York der Zukunft - so, wie man sich die Zukunft in den Neunzigern vorstellte. Im Jahr 2023 kann man Computer - und Autos - per Sprache steuern und sich mit ihnen unterhalten, man kann politische Reden automatisiert auf ihren wahren Inhalt reduzieren, die Wolkenkratzer reichen meilenweit in den Himmel, und vor allem gibt es Roboter, die sich in allen Bereichen des Lebens breit gemacht haben und den Menschen unbeliebte Arbeiten abnehmen. Die können natürlich auch sprechen.

Ein wild gemischter Haufen an Charakteren - der Ökoterrorist Philo Dufresne und seine U-Boot-Crew, der Kriegseteran und Vernichter pornographischer Bilder Maxwell, Unternehmer Harry Gant inklusive Exfrau Joan, ein äußerst streitwütiges Ayn Rand-Hologramm, der mutierte Hai Meisterbrau und ungezählte weitere - schlagen sich miteinander herum. Im Überblick wirkt der Roman ein bisschen wie ein Actionfilm: Viel Schlagabtausch in immer neuen Konstellationen, und die Handlung geht ein wenig unter. Im Kern des Ganzen steht ... hier muss man aufpassen, nicht zu viel zu verraten. Sagen wir so: Bei der Entwicklung der androiden Helfer, die ursprünglich von Walt Disney höchstselbst finanziert wurden, hat es ihr Erfinder, niemand geringeres als J. Edgar Hoover, nicht belassen, sondern etwas wesentlich Intelligenteres gebaut. Dass sich so was verselbständigt, ist wohl kein Geheimnis, also: Dieses Wesen, genannt G.A.S., entwickelt eigene Pläne, die ziemlich wahnwitzig und für einen großen Teil der Bevölkerung gefährlich sind. Außerdem hat eine mysteriöse Seuche praktisch die gesamte schwarze Bevölkerung der Welt ausgelöscht...
Joan Gant und ihre Gefährtin Kite, die einarmige Kriegsveteranin aus Zeiten des amerikanischen Bürgerkrieges, sind dem Verbrechen auf der Spur.

Puuuh. Wie immer ist es äußert schwer, Matt Ruffs Handlung zu beschreiben. Auf seiner Seite kann man einen weiteren Versuch lesen (auf Englisch).

Was deutlich wird, sind die vielen Handlungsstränge. Mir sind sie manchmal zu viel geworden. Auch die Diskussionen mit Ayn Rand waren teils wirklich langatmig, ein Vorwurf, den man Ruff eigentlich sonst absolut nicht machen kann.
Wie in seinem ersten Roman "Fool on the Hill" herrscht ein vergnügliches Chaos an Charakteren und Handlungen. Das ist wohl nicht jedermanns Sache, aber ich meine, es lohnt sich. Ich war insgesamt nämlich trotz der kleineren Mängel (zu denen auch ab und zu ein zu verrückter Einfall zählte) gut unterhalten, auch wenn ich persönlich das Buch als ca. 60 Seiten zu lang empfunden habe.

Trotzdem kann man bei Ruffs Ideenreichtum nur staunen; es macht einfach Spaß, seinen irren und absolut unvorhersehbaren Stories zu folgen.

Insgesamt ein unterhaltsamer Roman, durchaus mit Tiefgang, aber gewiss nicht zu viel davon.

Wer mehr über die Entstehung des Buches erfahren will, kann sich auf der Seite des Autors durchklicken (nur für die, die es schon gelesen haben: Spoileralarm!) - es gibt auf der Seite auch einen 'Soundtrack' zum Buch.

Mittwoch, 2. Mai 2012

Charles Dickens. Große Erwartungen

Große Erwartungen"Große Erwartungen" ist aus gutem Grund nicht der beliebteste Dickens-Roman: Die Hauptfigur Pip ist nicht immer leicht erträglich.
Der junge Pip, der eine Schmiedlehre bei seinem Ziehvater, einem liebenswürdigen, aber vollkommen ungebildeten Mann, macht, erhält von einem Unbekannten die Mittel für einen gänzlich anderen sozialen Stand. Das Problem: Pip ist genau auf diese höhere Stellung fixiert, er wird hochnäsig und lässt alte Freunde und Bekannte dafür fallen. Der Titel bedeutet nicht nur, dass Pip ein Vermögen erben soll, sondern spricht seinen eigenen Anspruch ans Leben aus: Er will sich nicht mit dem einfachen Leben, in das er hinein geboren wurde, abgeben.
Ursprung dieses Übels ist seine allen Regeln des Verstandes trotzende Liebe zu der kühlen und gesellschaftlich besser gestellten Estella. Ihretwegen beginnt er sich für seinen Stand und seine Familie zu schämen.

Dickens erzählt hier durch Pips Augen die Geschichte seiner Läuterung und späten Einsicht.
Ich muss sagen, dass ich nur langsam in die Geschichte hereinkam, obwohl es direkt spannend wird. Aber die Story nimmt doch erst recht spät wirklich Fahrt auf. Pip kommt nach London, um dort erzogen zu werden. Als er endlich den Urheber seines finanziellen Segens entdeckt, fällt er aus allen Wolken...
Das Ende ist ein wenig knapp ausgefallen - ich verrate es natürlich nicht.

Das heißt trotzdem nicht, dass mir das Buch nicht gefallen hat. Wer Dickens kennt, weiß schon, worauf ich hinaus will. Der Dickenston ist einfach so vergnüglich, seine Beschreibungen so gestochen scharf, dass es Spaß macht, seine Texte zu lesen, selbst, wenn er über Hufbeschlag schreiben würde. Ein weiterer dicker Pluspunkt sind die schrillen, aber liebenswürdigen Charaktere. Selbst Pip ist am Ende kein unsympathischer Typ. Es hat es nur schwerer, weil der Leser sein Weltbild durch die Erzählperspektive die ganze Zeit auf die Nase gebunden bekommt, und mit dem ist man nicht immer einverstanden. Es muss ihm aber zugute gehalten werden, dass er als aus der Retrospektive Erzählender auch des Öfteren anmerkt, dass er ein Narr und Snob gewesen ist und nun anders denkt.
Ich denke, ein anderes Problem ist, dass es in diesem Roman vor schwierigen Charakteren nur so wimmelt: Die Männer hassende Miss Havisham (die ich einfach wunderbar creepy und irre fand, weil in ihrem Haus die Zeit stehen geblieben ist und sie tagein, tagaus in ihrem Hochzeitskleid rumrennt), ihre Adoptivtochter Estella (zu deren Verteidigung sich eigentlich nur sagen lässt, dass sie das Produkt der Havisham'schen Erziehung ist) sowie einige dubiose Gestalten in London. Aber diese haben einen gewissen Hang zum Lächerlichen gemein, was wirklich putzig ist. Dabei schildert Dickens keine unmöglichen Figuren, sondern bleibt im Rahmen des Möglichen. Der Brite ist ja schließlich für seinen Hang zum Exzentrischen bekannt (eine Figur hat gemäß dem Spruch "My home is my castle" sein Heim wirklich zu einer Burg umgezimmert - inklusive Burggraben!).
Man kann also nicht wirklich anders, als das Buch zu mögen. So ging es mir wenigstens, auch wenn mir "David Copperfield" besser gefallen hat.

Eins sei noch zur Ausgabe gesagt, denn die muss man wirklich loben: Die Neuübersetzung von Melanie Walz ist wirklich erstklassig. Es gibt einen breiten Anhang mit Texten über Dickens' Leben und die Entstehung von "Große Erwartungen" sowie ausführlichen Anmerkungen zum Haupttext, in denen nicht nur die verschiedenen Ausgaben verglichen werden (denn die Ausgaben enthalten teils unterschiedliche Texte) und Erläuterungen zu Übersetzungsschwierigkeiten, sondern es werden auch inhaltliche Besonderheiten erklärt. Das hat teils wirklich zu meinem Textverständnis beigetragen (besonders, wenn intertextuelle Bezüge erläutert wurden oder eine Anmerkung in Interpretation überging). Diese Ausgabe kann ich nur jedem ans Herz legen.


Erschienen im Hanser Verlag, München 2011 (ISBN 978-3-446-23780-5).