Mittwoch, 21. März 2012

Ulysses und mein literarischer Geduldsfaden

Jedes Mal wenn ich in der Stadtbibliothek bin schlendere ich so durch die Regale, erfreue mich an altbekannten Titeln und auch an der Möglichkeit, all diejenigen, die mir noch nichts sagen, ausleihen zu können und zu lesen. Ich mag es zu wissen, dass sie da sind, dass ich sie alle lesen kann wenn ich will.
Unter den weißen Flecken meiner literarischen Landkarte sind natürlich viele mir persönlich wichtige Bücher wie zum Beispiel die von Haruki Murakami oder auch Tonke Dragt, Autoren die ich gerne lese, von denen ich aber noch nicht alles kenne. Aber mein Augenmerk gilt auch den Großen der Weltliteratur, und so passiere ich auch immer wieder - innerlich ein wenig rot angelaufen ob meiner bisherigen kompletten Ignoranz - Werke wie die von Herta Müller oder James Joyce. Letzterer juckt mich schon länger.
 Seltsam, wie man sich auf ein bestimmtes Buch versteift, aber der Ulysses kam mir immer öfter in den Sinn.
So geschehen mal wieder im Januar: Ich stand gebannt vor der Suhrkamp-Ausgabe von Ulysses, einer kargen Schönheit aus blankem Karton und rotem Stoff, die monumentalen roten Buchstaben des Titels klagten mich an.
Vielleicht ist es dieser faszinierende Einband (gepaart mit dem verlockenden Umfang des Romans), der mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat.
Nachdem ich mir - zufällig, nicht als direkte Vorarbeit für Joyce - die Odyssee einverleibt hatte, war der Moment gekommen. Ich beschloß: Koste es, was es wolle, du liest den verdammten Ulysses.

Welch folgenschwerer Entschluss!
Selten war ich so verwirrt von einem Buch, so angestrengt von der Lektüre weniger Seiten. Mein erstes Problem mit diesem Buch war, dass ich zwar einerseits seine Bedeutung nachvollziehen konnte und es deshalb auch wirklich lesen wollte, aber das Buch es mir andererseits sehr schwer machte.
Irgendwann versuchte ich, mir eine Art Lektüreschlüssel zu suchen, und fand tatsächlich etwas ganz ähnliches, von James Joyce höchstpersönlich angefertigt: Verschiedene Schemata, die das Werk besser verständlich machen.
Joyce, realising the difficulties that the book presents, began to provide exegeses for his friends, initially through his letters.
Bernard Moxham
Durch diese tabellarischen Hilfestellungen konnte ich nicht nur die Handlung und Schwerpunkte der Abschnitte besser verfolgen, sondern auch ein ganz neues Interesse für den Text entwickeln. Es faszinierte mich, wie durch diese Schemata das Grundkonstrukt des Romans sichtbar wurde. Ich verstand seine Aussage
I want to give a picture of Dublin so complete that if the city suddenly disappeared from the earth it could be reconstructed out of my book.
Das ist ihm auf erstaunliche Art gelungen und verdient Respekt. Neben den immer neuen Erzähltechniken sind auch auf jeder Seite Hinweise versteckt; Joyce wolte, dass sich Wissenschaftler noch in hundert Jahren darüber auslassen können und Neues entdecken. Also kann ich sowieso nicht erwarten, allzu viel von diesem Roman mitzubekommen.
Die wohl bekannteste Ausgabe des Ulysses gehört Flickr-Gründerin Caterina Fake
Das wohl bekannteste Exemplar des Ulysses gehört Flickr-Gründerin Caterina Fake.
Aber die Motivation war groß, ich las mich durch bis fast zur Seite 600.
Und nun mache ich eine weitere Entdeckung, was mein Leseverhalten angeht: Ich verliere einfach die Lust. Nicht weil es schwer ist, nicht weil es lang ist. Sondern weil es lang dauert; ich bin nun schon seit Anfang Februar dran. Am Anfang habe ich selten darin gelesen, auf der Berlinale bin ich gar nicht dazu gekommen. Fast einen Monat habe ich also das Buch im Nacken gehabt, bin aber kaum vorwärts gekommen. Und das wird mir nun zum Verhängnis.

Mein Geduldsfaden ist fast an seinem Ende angelangt. Ich denke daran wie schön es wäre jetzt dieses oder jenes Buch lesen zu können. Statt dessen hänge ich bei Ulysses, komme mit diesem schweren Stoff nicht weiter, schlimmer, verliere die Lust daran, weiterzukommen.

Hat mir nun die Lesehilfe zu viel über das Buch auf meinem Nachttisch verraten? Ich ertappe mich bei dem Gedanken, den restlichen Inhalt und Aufbau auch anderweitig einfacher anlesen zu können, ohne mich durch die restlichen 400 Seiten zu ackern. Meine Herren! Ich bin sonst nun wirklich nicht der Seitenüberspringer und Letzte-Seiten-zuerst-Leser.
Die beste Lösung wäre wohl das Augen-zu-und-durch-Prinzip; so schnell wie möglich zum nächsten Buchdeckel zu gelangen.
Ich bin gespannt, wie (schnell) es mit mir und Joyce weitergeht. Denn Aufgeben ist mir bei Büchern ebenfalls so gut wie fremd.

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