Samstag, 4. Februar 2012

Umberto Eco. Der Friedhof in Prag

Der Friedhof in Prag
Mein erster dicker Wälzer 2012, den ich beendet habe! Da das Buch ziemliches Rauschen im Blätterwald verursacht hat, verzichte ich auf eine Zusammenfassung des Inhalts.

Zu Beginn eine Frage. Simon Simonini: Ist er der glühende Antisemit, als den ihn sämtliche Feuilletons beschrieben haben? Ich denke nicht. Schon auf den ersten Seiten in "Der Friedhof in Prag" wird deutlich, dass der Protagonist mit dem Ü-Eierfigurennamen reiner Mitläufer ist. Er nutzt den Antisemitismus als ökonomisches Sprungbrett. Mit Judenhass lässt sich Geld machen, und das ist es, was Simonini interessiert. Ich würde ihn eher als Misanthrop denn als 'bloßen' Antisemiten bezeichnen. Er hasst alle: Frauen, Jesuiten, Freimaurer, ... wer immer ihm begegnet, wird verächtlich herabgesetzt. Das einzige, was Simonini menschlich macht, ist seine Liebe zur Küche. Ganze Rezepte werden ausführlich beschrieben. Wie gesagt macht das Simonini zum einen menschlich, zum anderen aber ist es Ausdruck seiner Pedanterie - als geborener Fälscher ist ihm der Blick für's Detail eigen.
Sonst ist dieser Protagonist allerdings äußerst unmenschlich. Er besitzt weder Moral noch Skrupel, einzig Hass und Berechnung prägen sein Wesen. Allein die Erzählform in Tagebucheinträgen macht dem Leser Simonini als Mensch plausibel, lässt ihn 'echt' wirken, da er selbst seine Lebensgeschichte rekapituliert.
Durch Simonini wird uns klar, was am Antisemitismus wirklich gefährlich ist: Die Masse an Mitläufern, die nicht aus purer Überzeugung handeln, sondern im Strom schwimmen und die Ernennung einer Gruppe zum Sünddenbock in irgendwéiner Weise für sich nutzen. Und wie der 'Erzähler' im Anhang schreibt, ist die Welt im Grunde genommen voller Simoninis.


In einem Punkt haben die Kritiker allerdings wirklich Recht: Eco hat eindeutig zu viel in diesen Roman gepackt - man findet sich kaum zurecht in dem Gewirr von Namen und Geschehnissen, die nur selten durch geschickte Einschübe resümiert oder erklärt werden, wie zum Beispiel durch Bericht an eine neu auftretende oder lange Zeit abwesende Figur. Mir wurde es schnell zu viel und ich las teils weiter, ohne mich erinnern zu könne oder einen Hinweis zu bekommen, um wen es sich im Einzelnen handelt.

Aber was mich neben den tausend historischen Anspielungen und Verschlingungen gestört hat, ist die Grundlage der Story, die mir wenig plausibel scheint. Dass Simonini einen Teil seiner Zeit als Abbé verbringt und sich später jeweils nicht erinnern kann, ist vielleicht symbolisch ganz nett, wenn man das Ereignis bedenkt, welches diese Spaltung bewirkt hat (ich verrate nicht, worum es sich handelt, muss aber sagen, dass ich Eco hier leider schon etwas zu früh auf die Schliche gekommen bin). An dieser Stelle wird man deutlich an Ecos Dasein als Semiotiker erinnert. Aber insgesamt hat mich dieses Konzept nicht überzeugt, ich wusste nichts damit anzufangen. Es schien unrealistisch, gemessen am Rest des Geschehens.
Es gab natürlich auch sehr gute Ideen und Ansätze sowie kleine für literarisch oder geschichtlich Bewanderte schöne Zitate (mein Liebling ist mit Sicherheit eine Szene, in der Freud sich mit Simonini unterhält). Insgesamt kam mir der Roman aber leider etwas zu sehr konstruiert vor. Eco hat sich durch seinen Vorsatz, die Entstehung der "Protokolle der Weisen von Zion" im Zusammenhang mit der Weltbild-Werdung antisemitischer Ideen anhand nur einer Figur zu zeigen (der Trick hier ist ja, das alles an diesem Roman wahr ist außer Simonini), selbst sehr eingeengt. In "Der Name der Rose" (leider bisher das einzige Buch Ecos, das ich gelesen habe) konnte er seitenweise fabulieren, und als Leser konnte man ihm folgen oder es überblättern. Hier ist der historische Exkurs in das Hauptgeschehen so verwoben, dass man, so zäh es zwischendurch werden mag, komplett folgen muss.
Leider ist "Der Friedhof in Prag" kein Schmöker für die breite Lesermasse geworden, sondern eine Art literarisches Sachbuch für diejenigen, die das Thema - Entstehung der antisemitischen Ideologie - interessiert, die es aus einem neuen Blickwinkel betrachten möchten. Auf keinen Fall ist dieser Roman leichte Kost. Er bedeutet Arbeit.