Donnerstag, 7. Juni 2012

Ray Bradbury. Fahrenheit 451 und die Kunst der Imagination

Fahrenheit 451.Heute morgen habe ich davon erfahren: Der Schriftsteller Ray Bradbury ist gestorben. Erst vor kurzem habe ich mit Fahrenheit 451 sein bekanntestes Werk gelesen und war begeistert von seinem Ideenreichtum. Er schafft es, auf nicht einmal 200 Seiten eine ganze, in sich stimmige Welt zu erschaffen, eine Fähigkeit, die den meisten Autoren leider fehlt.

Ganz allgemein kann man sich fragen, wodurch dieser dichte Eindruck entsteht, die Antwort allerdings, die mir dazu einfällt, klingt einfach und erschütternd: Bradbury spart nicht mit Ideen, sondern reichert seine Geschichte stark mit allerhand Einfällen an. Ich denke, vielen Autoren ist der allzu großzügige Umgang mit Originalität zu heikel, da sie vielleicht befürchten, ihnen könnten irgendwann die Ideen ausgehen.
Anders Bradbury: In seiner düsteren Zukunftsfiktion blitzen viele Details nur kurz auf und werden auch nicht vollständig geklärt, sodass diese Zukunft sehr real und komplex erscheint. Doch diese losen Enden stehen nicht nur in reinem Chaos herum, sondern bilden gemeinsam ein Ganzes, das Universum von Fahrenheit 451.
Ray Bradbury gab an, seit seinem 13. Lebensjahr täglich geschrieben zu haben. Er hat hunderte von Kurzgeschichten verfasst, hat für das Theater, das Fernsehen und die große Leinwand geschrieben, auch Opern und Hörspiele stammen aus seiner Feder. Ein mir bis heute Morgen unbekanntes Sahnehäubchen der Information: Bradbury hat das Drehbuch für die berühmte Moby Dick-Verfilmung mit Gregory Peck geschrieben.

Dieser Mann war ganz offensichtlich eine wahre Schatztruhe der Imaginationskunst.Aber er hat aus seiner Kunst kein Geheimnis gemacht und sie auch nicht künstlich erhöht: Zum Einen veröffentlichte er das Buch "Zen in the Art of Writing" (auf Deutsch unter dem Titel "Zen in der Kunst des Schreibens" erschienen), mit dem er nicht nur einen praktischen Schreibratgeber liefert, sondern auch viel von sich selbst offenbart und Einblicke in die Entstehungsprozesse seiner berühmtesten Werke bietet (das deutsche Inhaltsverzeichnis gibt es hier). Zum Anderen war er bei zahlreichen Gelegenheiten um Ratschläge nicht verlegen. Sehr empfehlenswert finde ich seine Keynote Speech des "Sixth Annual Writer's Symposium by the Sea":


Ein sehr sympathischer und unprätentiöser Mensch, von dem ich unbedingt noch mehr lesen möchte und dem ich auch jedem empfehle.

Dienstag, 22. Mai 2012

John Steinbeck. Früchte des Zorns

Früchte des Zorns
Tom Joad kehrt nach Jahren im Gefängnis auf Bewährung entlassen nach Hause zurück. Nach Hause? Er und seine Familie haben kein Zuhause mehr. Es ist die Wirtschaftskrise Amerikas und andere behaupten, den Grund und Boden der Familie Joad zu besitzen. Und so macht sich diese Großfamilie, bestehend aus drei Generationen, mit der vierten auf dem Weg, zusammen mit dem vom Glauben abgefallenen Prediger Casey in Richtung Südwesten auf, dorthin, wo es angeblich Arbeit und Lebensraum gibt.


Als Leser begleitet man die Familie Joad durch die Wirren dieser alles umwälzenden Krise, durch alle Verluste und Rückschläge. Doch ist Steinbeck nicht nur genauer Beobachter der damaligen Zustände, er versteht es auch, immer wieder einen Lichtschimmer am Horizont erscheinen zu lassen. Nie fällt die Familie vollends auseinander, was auch geschieht, es geht immer weiter.

Kapitel, die die Geschichte der Familie Joad erzählen, wechseln sich mit kurzen Kapiteln ab, in denen auf wie ich finde poetische Weise ein Überblick über die Vorgänge der Wirtschaftskrise gegeben wird. Dadurch muss jedem Leser das Räderwerk dieser Vorgänge und deren Auswirkungen klar werden. Als jemand, der sich nie mit diesem Kapitel amerikanischer Geschichte auseinandergesetzt hat, empfand ich diesen Aspekt des Romans äußerst anschaulich und überhaupt nicht störend. Auch der Wechsel der hohem Sprache dieser erklärenden Kapitel, die ein wenig an die Bibel erinnert, aber wenig von deren Sperrigkeit hat, mit der einfachen Sprache der Joads, die ihre geringe Bildung verdeutlicht, ist erfrischend. Nur zu Beginn brauchte es einige Zeit, in den Rhythmus des Buches hineinzufinden, der etwas langsamer ist, als ich es gewöhnt bin. Wenn das erst geschafft ist, geht es zügig vorwärts.

Obwohl das Buch schon über 70 Jahre auf dem Buckel hat, liest es sich sehr flüssig. Ich war gebannt von seiner erzählerischen Kraft und kann es uneingeschränkt weiterempfehlen.

Eine Leseprobe aus der dtv-Ausgabe gibt es hier. Sie umfasst die ersten zwei Kapitel und ein kleines Stück vom dritten.

Montag, 14. Mai 2012

Matt Ruff. G.A.S. - Die Trilogie der Stadtwerke

G.A.S. ( GAS). Die Trilogie der Stadtwerke.Ich habe mit GAS alle auf Deutsch erschienen Matt Ruff Romane gelesen. Man kann mich also durchaus als Kenner und meist auch als Liebhaber bezeichnen. Soviel im Voraus.

GAS erzählt die wahnwitzige Geschichte eines New York der Zukunft - so, wie man sich die Zukunft in den Neunzigern vorstellte. Im Jahr 2023 kann man Computer - und Autos - per Sprache steuern und sich mit ihnen unterhalten, man kann politische Reden automatisiert auf ihren wahren Inhalt reduzieren, die Wolkenkratzer reichen meilenweit in den Himmel, und vor allem gibt es Roboter, die sich in allen Bereichen des Lebens breit gemacht haben und den Menschen unbeliebte Arbeiten abnehmen. Die können natürlich auch sprechen.

Ein wild gemischter Haufen an Charakteren - der Ökoterrorist Philo Dufresne und seine U-Boot-Crew, der Kriegseteran und Vernichter pornographischer Bilder Maxwell, Unternehmer Harry Gant inklusive Exfrau Joan, ein äußerst streitwütiges Ayn Rand-Hologramm, der mutierte Hai Meisterbrau und ungezählte weitere - schlagen sich miteinander herum. Im Überblick wirkt der Roman ein bisschen wie ein Actionfilm: Viel Schlagabtausch in immer neuen Konstellationen, und die Handlung geht ein wenig unter. Im Kern des Ganzen steht ... hier muss man aufpassen, nicht zu viel zu verraten. Sagen wir so: Bei der Entwicklung der androiden Helfer, die ursprünglich von Walt Disney höchstselbst finanziert wurden, hat es ihr Erfinder, niemand geringeres als J. Edgar Hoover, nicht belassen, sondern etwas wesentlich Intelligenteres gebaut. Dass sich so was verselbständigt, ist wohl kein Geheimnis, also: Dieses Wesen, genannt G.A.S., entwickelt eigene Pläne, die ziemlich wahnwitzig und für einen großen Teil der Bevölkerung gefährlich sind. Außerdem hat eine mysteriöse Seuche praktisch die gesamte schwarze Bevölkerung der Welt ausgelöscht...
Joan Gant und ihre Gefährtin Kite, die einarmige Kriegsveteranin aus Zeiten des amerikanischen Bürgerkrieges, sind dem Verbrechen auf der Spur.

Puuuh. Wie immer ist es äußert schwer, Matt Ruffs Handlung zu beschreiben. Auf seiner Seite kann man einen weiteren Versuch lesen (auf Englisch).

Was deutlich wird, sind die vielen Handlungsstränge. Mir sind sie manchmal zu viel geworden. Auch die Diskussionen mit Ayn Rand waren teils wirklich langatmig, ein Vorwurf, den man Ruff eigentlich sonst absolut nicht machen kann.
Wie in seinem ersten Roman "Fool on the Hill" herrscht ein vergnügliches Chaos an Charakteren und Handlungen. Das ist wohl nicht jedermanns Sache, aber ich meine, es lohnt sich. Ich war insgesamt nämlich trotz der kleineren Mängel (zu denen auch ab und zu ein zu verrückter Einfall zählte) gut unterhalten, auch wenn ich persönlich das Buch als ca. 60 Seiten zu lang empfunden habe.

Trotzdem kann man bei Ruffs Ideenreichtum nur staunen; es macht einfach Spaß, seinen irren und absolut unvorhersehbaren Stories zu folgen.

Insgesamt ein unterhaltsamer Roman, durchaus mit Tiefgang, aber gewiss nicht zu viel davon.

Wer mehr über die Entstehung des Buches erfahren will, kann sich auf der Seite des Autors durchklicken (nur für die, die es schon gelesen haben: Spoileralarm!) - es gibt auf der Seite auch einen 'Soundtrack' zum Buch.

Mittwoch, 2. Mai 2012

Charles Dickens. Große Erwartungen

Große Erwartungen"Große Erwartungen" ist aus gutem Grund nicht der beliebteste Dickens-Roman: Die Hauptfigur Pip ist nicht immer leicht erträglich.
Der junge Pip, der eine Schmiedlehre bei seinem Ziehvater, einem liebenswürdigen, aber vollkommen ungebildeten Mann, macht, erhält von einem Unbekannten die Mittel für einen gänzlich anderen sozialen Stand. Das Problem: Pip ist genau auf diese höhere Stellung fixiert, er wird hochnäsig und lässt alte Freunde und Bekannte dafür fallen. Der Titel bedeutet nicht nur, dass Pip ein Vermögen erben soll, sondern spricht seinen eigenen Anspruch ans Leben aus: Er will sich nicht mit dem einfachen Leben, in das er hinein geboren wurde, abgeben.
Ursprung dieses Übels ist seine allen Regeln des Verstandes trotzende Liebe zu der kühlen und gesellschaftlich besser gestellten Estella. Ihretwegen beginnt er sich für seinen Stand und seine Familie zu schämen.

Dickens erzählt hier durch Pips Augen die Geschichte seiner Läuterung und späten Einsicht.
Ich muss sagen, dass ich nur langsam in die Geschichte hereinkam, obwohl es direkt spannend wird. Aber die Story nimmt doch erst recht spät wirklich Fahrt auf. Pip kommt nach London, um dort erzogen zu werden. Als er endlich den Urheber seines finanziellen Segens entdeckt, fällt er aus allen Wolken...
Das Ende ist ein wenig knapp ausgefallen - ich verrate es natürlich nicht.

Das heißt trotzdem nicht, dass mir das Buch nicht gefallen hat. Wer Dickens kennt, weiß schon, worauf ich hinaus will. Der Dickenston ist einfach so vergnüglich, seine Beschreibungen so gestochen scharf, dass es Spaß macht, seine Texte zu lesen, selbst, wenn er über Hufbeschlag schreiben würde. Ein weiterer dicker Pluspunkt sind die schrillen, aber liebenswürdigen Charaktere. Selbst Pip ist am Ende kein unsympathischer Typ. Es hat es nur schwerer, weil der Leser sein Weltbild durch die Erzählperspektive die ganze Zeit auf die Nase gebunden bekommt, und mit dem ist man nicht immer einverstanden. Es muss ihm aber zugute gehalten werden, dass er als aus der Retrospektive Erzählender auch des Öfteren anmerkt, dass er ein Narr und Snob gewesen ist und nun anders denkt.
Ich denke, ein anderes Problem ist, dass es in diesem Roman vor schwierigen Charakteren nur so wimmelt: Die Männer hassende Miss Havisham (die ich einfach wunderbar creepy und irre fand, weil in ihrem Haus die Zeit stehen geblieben ist und sie tagein, tagaus in ihrem Hochzeitskleid rumrennt), ihre Adoptivtochter Estella (zu deren Verteidigung sich eigentlich nur sagen lässt, dass sie das Produkt der Havisham'schen Erziehung ist) sowie einige dubiose Gestalten in London. Aber diese haben einen gewissen Hang zum Lächerlichen gemein, was wirklich putzig ist. Dabei schildert Dickens keine unmöglichen Figuren, sondern bleibt im Rahmen des Möglichen. Der Brite ist ja schließlich für seinen Hang zum Exzentrischen bekannt (eine Figur hat gemäß dem Spruch "My home is my castle" sein Heim wirklich zu einer Burg umgezimmert - inklusive Burggraben!).
Man kann also nicht wirklich anders, als das Buch zu mögen. So ging es mir wenigstens, auch wenn mir "David Copperfield" besser gefallen hat.

Eins sei noch zur Ausgabe gesagt, denn die muss man wirklich loben: Die Neuübersetzung von Melanie Walz ist wirklich erstklassig. Es gibt einen breiten Anhang mit Texten über Dickens' Leben und die Entstehung von "Große Erwartungen" sowie ausführlichen Anmerkungen zum Haupttext, in denen nicht nur die verschiedenen Ausgaben verglichen werden (denn die Ausgaben enthalten teils unterschiedliche Texte) und Erläuterungen zu Übersetzungsschwierigkeiten, sondern es werden auch inhaltliche Besonderheiten erklärt. Das hat teils wirklich zu meinem Textverständnis beigetragen (besonders, wenn intertextuelle Bezüge erläutert wurden oder eine Anmerkung in Interpretation überging). Diese Ausgabe kann ich nur jedem ans Herz legen.


Erschienen im Hanser Verlag, München 2011 (ISBN 978-3-446-23780-5).

Sonntag, 22. April 2012

James Joyce.Ulysses

Jetzt ist es schon einige Wochen her, dass ich den Ulysses gelesen habe, und doch geht mir das Buch nicht aus dem Kopf. Es begegnet einem auch ständig wieder, wie das bei fundamentaler Literatur halt so ist. Insofern kann man Ulysses nur empfehlen.

Bevor ich weiter blubbere: Ich hatte schon mal eine Art Zwischenbilanz gepostet.

Weiter im Text: In jedem Kapitel wird der Leser mit einer neuen Schreibe konfrontiert. Das ist anregend und anstrengend zugleich. Aber früher oder später ist mal für jeden was dabei. Ich fand es ab und zu schwer einzuordnen, wer gerade spricht. Auch die extrem unterschiedlich langen 'Kapitel' (man kann es kaum so nennen) haben mir teils zugesetzt. Wahrscheinlich habe ich nur einen winzigen Bruchteil von dem mitbekommen, was in dem Buch steckt. Aber genau so wollte es Joyce ja, man soll sich ewig damit beschäftigen können. Auch von dieser Warte muss man sagen: Hut ab, Joyce, du bist deinem Anspruch gerecht geworden!

Also, machen wir's kurz (denn ansonsten bliebe nur die ausführliche Variante, und die ist praktisch nicht ausführbar): Das war bestimmt das anstrengendste Buch meiner bisherigen Leselaufbahn, aber es hat sich gelohnt. Wenn ich mich davon erholt habe (in 10 Jahren vielleicht), kann ich ja einen neuen Versuch starten. Irgendwie freue ich mich darauf.


Tipp: Unterstützung beim Lesen findet man auch in dem Mitschnitt eines Vortrags der Ringvorlesung "Romane des 20. Jahrhunderts" an der Uni Kiel. Dort hat Walter Rix am 11.11.2003 einen Vortrag zum Ulysses gehalten und dabei auch einiges über den Autor erzählt. Die Unterlagen und das Video findet man hier.

Donnerstag, 29. März 2012

Eye Candy. Entstehung eines Buches

Hier ein kleines Video über die Massenherstellung fadengehefteter Bücher! Von Hand Bücher zu binden ist eines meiner Hobbies, aber wie diese Fadenheftung in der Menge von sagen wir Insel Taschenbüchern vonstatten geht, war mir ein Rätsel.



... gefunden hier.

Der Ulyssespost kommt in ein paar Tagen.

Freitag, 23. März 2012

Zitat. Ulysses

Wir können das Land nicht ändern. Ändern wir also das Thema.

Mittwoch, 21. März 2012

Ulysses und mein literarischer Geduldsfaden

Jedes Mal wenn ich in der Stadtbibliothek bin schlendere ich so durch die Regale, erfreue mich an altbekannten Titeln und auch an der Möglichkeit, all diejenigen, die mir noch nichts sagen, ausleihen zu können und zu lesen. Ich mag es zu wissen, dass sie da sind, dass ich sie alle lesen kann wenn ich will.
Unter den weißen Flecken meiner literarischen Landkarte sind natürlich viele mir persönlich wichtige Bücher wie zum Beispiel die von Haruki Murakami oder auch Tonke Dragt, Autoren die ich gerne lese, von denen ich aber noch nicht alles kenne. Aber mein Augenmerk gilt auch den Großen der Weltliteratur, und so passiere ich auch immer wieder - innerlich ein wenig rot angelaufen ob meiner bisherigen kompletten Ignoranz - Werke wie die von Herta Müller oder James Joyce. Letzterer juckt mich schon länger.
 Seltsam, wie man sich auf ein bestimmtes Buch versteift, aber der Ulysses kam mir immer öfter in den Sinn.
So geschehen mal wieder im Januar: Ich stand gebannt vor der Suhrkamp-Ausgabe von Ulysses, einer kargen Schönheit aus blankem Karton und rotem Stoff, die monumentalen roten Buchstaben des Titels klagten mich an.
Vielleicht ist es dieser faszinierende Einband (gepaart mit dem verlockenden Umfang des Romans), der mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat.
Nachdem ich mir - zufällig, nicht als direkte Vorarbeit für Joyce - die Odyssee einverleibt hatte, war der Moment gekommen. Ich beschloß: Koste es, was es wolle, du liest den verdammten Ulysses.

Welch folgenschwerer Entschluss!
Selten war ich so verwirrt von einem Buch, so angestrengt von der Lektüre weniger Seiten. Mein erstes Problem mit diesem Buch war, dass ich zwar einerseits seine Bedeutung nachvollziehen konnte und es deshalb auch wirklich lesen wollte, aber das Buch es mir andererseits sehr schwer machte.
Irgendwann versuchte ich, mir eine Art Lektüreschlüssel zu suchen, und fand tatsächlich etwas ganz ähnliches, von James Joyce höchstpersönlich angefertigt: Verschiedene Schemata, die das Werk besser verständlich machen.
Joyce, realising the difficulties that the book presents, began to provide exegeses for his friends, initially through his letters.
Bernard Moxham
Durch diese tabellarischen Hilfestellungen konnte ich nicht nur die Handlung und Schwerpunkte der Abschnitte besser verfolgen, sondern auch ein ganz neues Interesse für den Text entwickeln. Es faszinierte mich, wie durch diese Schemata das Grundkonstrukt des Romans sichtbar wurde. Ich verstand seine Aussage
I want to give a picture of Dublin so complete that if the city suddenly disappeared from the earth it could be reconstructed out of my book.
Das ist ihm auf erstaunliche Art gelungen und verdient Respekt. Neben den immer neuen Erzähltechniken sind auch auf jeder Seite Hinweise versteckt; Joyce wolte, dass sich Wissenschaftler noch in hundert Jahren darüber auslassen können und Neues entdecken. Also kann ich sowieso nicht erwarten, allzu viel von diesem Roman mitzubekommen.
Die wohl bekannteste Ausgabe des Ulysses gehört Flickr-Gründerin Caterina Fake
Das wohl bekannteste Exemplar des Ulysses gehört Flickr-Gründerin Caterina Fake.
Aber die Motivation war groß, ich las mich durch bis fast zur Seite 600.
Und nun mache ich eine weitere Entdeckung, was mein Leseverhalten angeht: Ich verliere einfach die Lust. Nicht weil es schwer ist, nicht weil es lang ist. Sondern weil es lang dauert; ich bin nun schon seit Anfang Februar dran. Am Anfang habe ich selten darin gelesen, auf der Berlinale bin ich gar nicht dazu gekommen. Fast einen Monat habe ich also das Buch im Nacken gehabt, bin aber kaum vorwärts gekommen. Und das wird mir nun zum Verhängnis.

Mein Geduldsfaden ist fast an seinem Ende angelangt. Ich denke daran wie schön es wäre jetzt dieses oder jenes Buch lesen zu können. Statt dessen hänge ich bei Ulysses, komme mit diesem schweren Stoff nicht weiter, schlimmer, verliere die Lust daran, weiterzukommen.

Hat mir nun die Lesehilfe zu viel über das Buch auf meinem Nachttisch verraten? Ich ertappe mich bei dem Gedanken, den restlichen Inhalt und Aufbau auch anderweitig einfacher anlesen zu können, ohne mich durch die restlichen 400 Seiten zu ackern. Meine Herren! Ich bin sonst nun wirklich nicht der Seitenüberspringer und Letzte-Seiten-zuerst-Leser.
Die beste Lösung wäre wohl das Augen-zu-und-durch-Prinzip; so schnell wie möglich zum nächsten Buchdeckel zu gelangen.
Ich bin gespannt, wie (schnell) es mit mir und Joyce weitergeht. Denn Aufgeben ist mir bei Büchern ebenfalls so gut wie fremd.

Donnerstag, 15. März 2012

Welttag des Buches. Und so.


Nach einer langen Durststrecke bin ich wieder da (erst mal). Im Februar bin ich auf der Berlinale gewesen, was *hier das ein unbeschreibliches Erlebnis beschreibendes Adjektiv deines Vertrauens einfügen* war, danach war ich total geschlaucht (so für eine Woche), dann wollte ich was schreiben, aber schon wieder hielt mich das Kino davon ab (Dame König As Spion). Und dann musste ich arbeiten. Jetzt zwar auch noch, aber ab und zu bleibt noch ein wenig Energie übrig. So wie jetzt.
Aber zum Thema: Ich bin Lesefreund! Das heißt, ich nehme an einer wie ich finde exorbitant interessanten Aktion der Stiftung Lesen zum Welttag des Buches teil. Aus 25 Romanen habe ich Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ ausgesucht. 30 Exemplare davon werden Mitte nächsten Monats in meiner liebsten Buchhandlung darauf warten, dass ich sie verschenke. Wenn das keine super Idee ist! Wer will nicht gern seine Freude am Lesen weitergeben? Und wer liebt es nicht, Geschenke zu machen?

5 Ideen, wohin man 30 Bücher verschenken kann:

  • Man kann lokale Schulen und Bibliotheken fragen, ob sie Verwendung für ein Exemplar hätten
  • In meiner Nachbarschaft geht es typisch städterisch zu Wege: Jeder bleibt für sich. Mit diesem papierenen Präsentkorb könnte man seine Nachbarn mal besser kennen lernen.
  • Was ist mit den Menschen, denen wir oft über den Weg laufen, ohne sie recht kennenzulernen, und die doch ohne eine Gegenleistung zu erwarten freundlich zu uns sind? Wie ist es mit dem älteren Herrn aus dem Treppenhaus, der Kassiererin, dem besonders freundlichen Busfahrer?
  • Vielleicht kann man auch jemand vollkommen Fremdes eine Freude machen, vielleicht jemand, der ein bisschen gestresst aussieht oder traurig
  • Wenn jeder Lesefreund einem anderen eins seiner Bücher schenken würde, hätten die Teilnehmer der Aktion am Ende auch was Neues zu lesen. Wär auch nicht übel...

„Die Vermessung der Welt“ habe ich gewählt, weil ich dieses Buch leicht lesbar finde (kein Beschenkter soll das Buch nach 20 Seiten entnervt weglegen – ein Problem, dass ich bei einigen anderen zur Auswahl stehenden Bücher sehe), weil ich diesen Roman bereits mehrmals gelesen habe und immer wieder Neues an ihm entdecke, weil er unnachahmlich ist. Informativ und unterhaltend, intelligent erzählt und verstrickt, mit einem sehr feinen Humor. Keins dieser extrem grüblerischen Werke, ist dieser Roman federleicht und nachdenklich zugleich. Außerdem fand ich es wichtig, ein deutschsprachiges Werk zu wählen – unsere eigenen Autoren bekommen manchmal zu wenig Aufmerksamkeit, finde ich. Auch wenn das auf Kehlmann nun wirklich nicht (mehr) zutrifft. Nicht von Nachteil ist vielleicht auch der Kinostart der Verfilmung von „Ruhm“ am 22. März, aber daran habe ich bis jetzt noch gar nicht gedacht.

Ich bin sehr gespannt, was aus den 30 Exemplaren werden wird und freue mich auf den Welttag des Buches 2012!

Samstag, 4. Februar 2012

Umberto Eco. Der Friedhof in Prag

Der Friedhof in Prag
Mein erster dicker Wälzer 2012, den ich beendet habe! Da das Buch ziemliches Rauschen im Blätterwald verursacht hat, verzichte ich auf eine Zusammenfassung des Inhalts.

Zu Beginn eine Frage. Simon Simonini: Ist er der glühende Antisemit, als den ihn sämtliche Feuilletons beschrieben haben? Ich denke nicht. Schon auf den ersten Seiten in "Der Friedhof in Prag" wird deutlich, dass der Protagonist mit dem Ü-Eierfigurennamen reiner Mitläufer ist. Er nutzt den Antisemitismus als ökonomisches Sprungbrett. Mit Judenhass lässt sich Geld machen, und das ist es, was Simonini interessiert. Ich würde ihn eher als Misanthrop denn als 'bloßen' Antisemiten bezeichnen. Er hasst alle: Frauen, Jesuiten, Freimaurer, ... wer immer ihm begegnet, wird verächtlich herabgesetzt. Das einzige, was Simonini menschlich macht, ist seine Liebe zur Küche. Ganze Rezepte werden ausführlich beschrieben. Wie gesagt macht das Simonini zum einen menschlich, zum anderen aber ist es Ausdruck seiner Pedanterie - als geborener Fälscher ist ihm der Blick für's Detail eigen.
Sonst ist dieser Protagonist allerdings äußerst unmenschlich. Er besitzt weder Moral noch Skrupel, einzig Hass und Berechnung prägen sein Wesen. Allein die Erzählform in Tagebucheinträgen macht dem Leser Simonini als Mensch plausibel, lässt ihn 'echt' wirken, da er selbst seine Lebensgeschichte rekapituliert.
Durch Simonini wird uns klar, was am Antisemitismus wirklich gefährlich ist: Die Masse an Mitläufern, die nicht aus purer Überzeugung handeln, sondern im Strom schwimmen und die Ernennung einer Gruppe zum Sünddenbock in irgendwéiner Weise für sich nutzen. Und wie der 'Erzähler' im Anhang schreibt, ist die Welt im Grunde genommen voller Simoninis.


In einem Punkt haben die Kritiker allerdings wirklich Recht: Eco hat eindeutig zu viel in diesen Roman gepackt - man findet sich kaum zurecht in dem Gewirr von Namen und Geschehnissen, die nur selten durch geschickte Einschübe resümiert oder erklärt werden, wie zum Beispiel durch Bericht an eine neu auftretende oder lange Zeit abwesende Figur. Mir wurde es schnell zu viel und ich las teils weiter, ohne mich erinnern zu könne oder einen Hinweis zu bekommen, um wen es sich im Einzelnen handelt.

Aber was mich neben den tausend historischen Anspielungen und Verschlingungen gestört hat, ist die Grundlage der Story, die mir wenig plausibel scheint. Dass Simonini einen Teil seiner Zeit als Abbé verbringt und sich später jeweils nicht erinnern kann, ist vielleicht symbolisch ganz nett, wenn man das Ereignis bedenkt, welches diese Spaltung bewirkt hat (ich verrate nicht, worum es sich handelt, muss aber sagen, dass ich Eco hier leider schon etwas zu früh auf die Schliche gekommen bin). An dieser Stelle wird man deutlich an Ecos Dasein als Semiotiker erinnert. Aber insgesamt hat mich dieses Konzept nicht überzeugt, ich wusste nichts damit anzufangen. Es schien unrealistisch, gemessen am Rest des Geschehens.
Es gab natürlich auch sehr gute Ideen und Ansätze sowie kleine für literarisch oder geschichtlich Bewanderte schöne Zitate (mein Liebling ist mit Sicherheit eine Szene, in der Freud sich mit Simonini unterhält). Insgesamt kam mir der Roman aber leider etwas zu sehr konstruiert vor. Eco hat sich durch seinen Vorsatz, die Entstehung der "Protokolle der Weisen von Zion" im Zusammenhang mit der Weltbild-Werdung antisemitischer Ideen anhand nur einer Figur zu zeigen (der Trick hier ist ja, das alles an diesem Roman wahr ist außer Simonini), selbst sehr eingeengt. In "Der Name der Rose" (leider bisher das einzige Buch Ecos, das ich gelesen habe) konnte er seitenweise fabulieren, und als Leser konnte man ihm folgen oder es überblättern. Hier ist der historische Exkurs in das Hauptgeschehen so verwoben, dass man, so zäh es zwischendurch werden mag, komplett folgen muss.
Leider ist "Der Friedhof in Prag" kein Schmöker für die breite Lesermasse geworden, sondern eine Art literarisches Sachbuch für diejenigen, die das Thema - Entstehung der antisemitischen Ideologie - interessiert, die es aus einem neuen Blickwinkel betrachten möchten. Auf keinen Fall ist dieser Roman leichte Kost. Er bedeutet Arbeit.

Sonntag, 22. Januar 2012

Die Woche (3)

Wo ist die Woche bloß hin? Eben war doch noch Donnerstag... Also, man sieht, ich bin voll ausgelastet *nje*.
Darum kurz das wöchentliche Lebenszeichen (das meiste, womit ich mich diese Woche beschäftigt habe, sind Grammatiktheorien, was wohl eher nicht für Jedermanns Geschmack ist):
  • Der Wikipediaeintrag zum Flohwalzer. Ich meine, wer weiß schon, dass die FIngerübung im Japanischen "Ich bin auf die Katze getreten" heißt?
  • Eine kuriose Liste von 15 literarischen Schnauzbartträgern hat flavorwire zusammengestellt.
  • Eine riesige Kathedrale, gebaut von einem Amateur und komplett aus Abfällen. Die besten Fotos gibt es hier.
Bald ist die Klausurenphase überstanden und es gibt wieder mehr Abwechslung hier. Und ein, zwe Überraschungen auch...

Samstag, 14. Januar 2012

Die Woche (2)

  • London Underground will Poster für eine Lucas Cranach-Ausstellung nicht plakatieren, weil darauf eine (natürlich nackte) Venus zu sehen ist.
  • Noch mal zum Schlafen: Was träumen eigentlich Blinde? Ein Geburtsblinder selbst und die Forschung dazu.
  • Die Zeit hat ein kleines Sammelsurium an Typen von Cafébesuchern zusammengestellt (je nach Bestellung sol hier die Lebenseinstellung destilliert werden). Der Artikel ist eher weniger interessant, aber die Kommentare dazu sind ein wahres Sahnehäubchen des Web 2.0!
  • Die FAZ hat einen Parfumeur bei der Entstehung eines Buch-Parfums begleitet. Ja, es wird nach Buch riechen!
  • Einiges über Flaschenpost gibt es bei einestages.

Samstag, 7. Januar 2012

Die Woche (1)

Ich dachte, ein paar interessante Links weiterzureichen hat noch keinem geschadet. Hier also eine Kompilation an Artikeln, über die ich so diese Woche gestolpert bin:
  • In der FAZ ist ein Interview mit Hans Zimmer zu lesen.
  • Auf einestages kann man einiges über das Design der D-Mark-Scheine und der Euro-Scheine erfahren.
  • Ein schwedischer Reporter ist im nun zugänglichen Archiv der Literaturnobelpreisnominierten auf abgelehnte Literaten erster Güte gestoßen (jetzt mal ehrlich: Wer kennt Ivo Andrić? Eben. Wer kennt heute noch Tolkien? Eben!). Ich frage mich, ob Tolkien wusste, dass sein bester Freund C.S. Lewis ihn nominiert hatte...
  • 40 interessante und komische Fakten zur Schlafforschung gibt es hier.
  • Und noch mehr Tolkien hier: "Kunststudent Benjamin Harff hat im Jahr 2009 als Examen J.R.R. Tolkiens „Das Silmarillion“ in einem selbstgemachten Buch kalligrafiert" Hammer!

Donnerstag, 5. Januar 2012

Small Demons

Gerade via Guardian entdeckt: Small Demons, eine neue Website, auf der Leser real existierende Objekte aller Art, die in Büchern vorkommen, katalogisieren und verlinken können:



Die Seite befindet sich noch im Beta-Stadium, man kann sich als Tester eintragen. Ich find's potenziell echt spannend und werde das mal ausprobieren.

Dienstag, 3. Januar 2012

Tolkiens Geburtstag

Heute wäre Tolkien 120 Jahre alt geworden. Wer ihm die Ehre erweisen möchte, kann dies zum Beispiel durch einen Toast tun. Die britische Tolkien Society bietet eine Plattform, Trinkspruch und Getränk mit anderen zu teilen. Wen's interessiert: Auf Youtube gibt es einige recht ausgefallene Tolkien Toasts.
Für mich ist der 3. Januar der erste richtige Lesetag im Jahr. An diesem Tag durchstöbere ich meine Regale nach ungelesenen Büchern und suche mir einige heraus, die ich im jeweiligen Jahr lesen möchte. Dieses Mal hatte ich etwas zu kämpfen, denn ich musste auch Platz schaffen für die ganzen Bücher (Ein SuB von 130 Büchern aller Art!) und teilweise vertikal stapeln, um alles unterzubringen. Aber da ich seit einem Besuch in der Bodleian Library in Oxford weiß, dass das sowieso besser für die Einbände ist, macht es mir nichts mehr aus, dass meine Regale nun noch vollgestopfter aussehen.
Nach dieser Aufgabe widme ich mich Tolkien's Werk, blättere durch die Bücher nach meinen Lieblingsstellen, recherchiere ein bisschen im Internet (und finde so informative Dinge wie das Tolkien Archive der New York Times, in welchem man alle Rezensionen und andere relevante Artikel lesen kann) und - wenn ich in Stimmung gekommen bin - spreche ich den Tolkien Toast aus. Dieses Jahr wohl zu heißer Schokolade, denn ich bin erkältet und etwas wehleidig.

Aber in diesem Jahr gibt auch ein großes Jubiläum zu feiern: Der Hobbit wird 75. Zu diesem Anlass wird Mitte März endlich die deutsche Übersetzung des Annotated Hobbit erscheinen. Ich freue mich riesig darauf, da es sich hierbei um eine Art Standardwerk für das Verständnis des Hobbit handelt, auch wenn sich über den deutschen Titel (Das große Hobbitbuch) streiten lässt (sowie über die Verwendung der Kregeübersetzung des Hobbits). Mehr zu Neuauflagen und -erscheinungen bei der Deutschen Tolkien Gesellschaft.
Eine weitere Publikation macht mich ganz besonders happy: Exploring the Hobbit von Corey Olsen, besser bekannt als der Tolkien Professor, wird im September erscheinen. Das Buch entstand auf Basis einer Art Vorlesung, die Prof. Olsen auf seiner Website als Podcast in insgesamt 11 Folgen anbietet. Wer sich für den Hobbit interessiert und das noch nichte gehört hatm, der sollte es unbedingt tun!

Auch das Silmarillion feiert diesen September ein Jubiläum: 35 Jahre sind dann seit der Erstveröffentlichung vergangen.

Ein richtiges Tolkienjahr erwartet uns, nicht zuletzt, da am 13.12. auch der erste Hobbitfilm in die Kinos kommen wird.