Donnerstag, 27. Oktober 2011

Kommentar. Bei Moleskine hängt der Haussegen schief

Beim Notizbuchblog habe ich den Streit um den Logo-Wettbewerb bei Moleskine mitverfolgt. Welcher Papierliebhaber hat keine Schwäche für diese äußerst robusten, edlen und gleichzeitig schlichten Notizbücher? Ich habe meins immer dabei, schreibe alles hinein, was mir durch den Kopf geht oder mich bewegt. Es ist mein Begleiter auf Reisen und im Bus.
Aber etwas stimmt nicht mit der Moleskine-Idylle.
Mir ist Moleskine schon seit längerem suspekt, weil zu viel PR läuft. Um da mal Beispiele zu nennen: Da gibt es ein Video, wie die Leute nun Moleskine aussprechen, verbunden mit dem Statement, alles sei recht, Moleskine sei für alle da. Mich stört daran nicht nur das "Wir sind alle dicke Freunde"-Versprechen, sondern als Linguistin auch die Tatsache, dass der Hersteller aus Frankreich stammt und die Aussprache somit relativ unstrittig sein dürfte; das Anglifizieren des Namens, das einen zu der Annahme verleitet, es sei die Rede von Maulwurfspelzen, hat demnach wenig mit Kreativität und Persönlichkeit zu tun, sondern mit Unkenntnis (die ich auch jedem verzeihe - aber daraus Werbepotenzial zu schlagen, ist in meinen Augen nicht richtig).

Überhaupt setzt Moleskine sehr auf den Community-Gedanken und auf die Kreativität seiner Käufer. Natürlich muss ein Hersteller seine Produkte an den Mann bringen und sicherlich ist Moleskine unter kreativen Köpfen beliebt. Aber ich sehe hier ein anderes Problem: Neue Produkte aus dem Hause Moleskine gehen in eine andere Richtung. Ich spreche hier von der Passions-Reihe, die als außergewöhnliche Möglichkeit vermarktet wird, seine Passionen festzuhalten. Aber genau das fehlt hier meiner Meinung nach. Der starre Aufbau der Bücher im Katalog-Stil sorgt zwar für Ordnung, lässt aber für Kreativität wenig Raum.
Im Vergleich dazu die klassischen Notizbücher Moleskines: Hier wird gerade die Schlichtheit als Inspirateur angepriesen. Jeder, der mal ein Moleskine gekauft hat, kennt die kleinen "Beipackzettel", die die Geschichte des Unternehmens unter Erwähnung großer Namen aller Künste in romantisch-verklärter Weise rekapitulieren. Es war übertrieben, aber auf eine nette, unauffällige weil nicht aufdringliche Art. Vielleicht bin ich zu sehr diesem Schema verfallen, diesem Bild der "Hommage an die Einfachheit", dieses Lobes an die inspirierende Kraft von Papier, einem einfachen Notizbuch, ohne alle Schnörkel. Das war nett, weil es sich von den Werbestrategien anderer Firmen unterschied. Aber mir scheint, der Konzern hat eine ziemliche Wandlung durchgemacht, und sie gefällt mir nicht.

Wettbewerbe wie der um das Moleskine-Logo kommen natürlich auch andernorts vor und sind auch dort  eine kontroverse Angelegenheit. Ich denke, jeder kann und muss für sich entscheiden, ob er daran teilnimmt und eventuell Stunden an Arbeit umsonst investiert oder darauf verzichtet. Das eigentlich Kritische sehe ich woanders, der Wettbewerb ist nur ein Teil davon. Durch die Anpassung an eine Welt des Web2.0, in der wir 24/7 mit Angeboten und scheinbarer Kreativität überhäuft werden, verliert Moleskine seine Grundsätze aus den Augen. Denn im Wesentlichen agiert man nun digital, die Notizbücher, die Moleskine verkörpern, sind zur Nebensache geworden. Ich finde das schade und bedenklich.

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